Spielerplünderung: Verzögerung der Futsal-Bundesliga als Tod für den Futsal-Unterbau?

Oder anders: Warum der DFB gleich morgen den Start der Bundesliga 2019/2020 verkünden sollte, um den Erhalt kleinerer Futsal-Teams zu stärken!

Spätestens seit dem ersten Länderpokal 2014 wurde erstmalig in der Futsal-Community die Möglichkeit und Notwendigkeit einer Futsal-Bundesliga diskutiert. Bereits 2016 haben wir uns mit den Voraussetzungen für eine Bundesliga eingehend beschäftigt (bisher sind leider nur wenig von uns diskutierte Voraussetzungen vorhanden). Auch als Podcast haben wir die Futsal-Bundesliga bereits besprochen. Damals haben wir eine Einführung der Bundesliga auf 2021 bis 2026 prognostiziert. 2018 wurde es dann öffentlich durch den DFB kommuniziert, dass eine Futsalbundesliga kommen soll. Etwas später wurde dann auch die Zahl 2019/2020 kommuniziert, später auf 2020/2021 „reterminiert“. Nun steht fest, die Bundesliga kommt doch erst 2021/2022 – voraussichtlich! Der Start der Bundesliga wird nun seit fast drei Jahren angepriesen, aber immer wieder verschoben.

Es könnte nun argumentiert werden, dass die konkrete Startsaison zwar für die professionelle Strukturen relevant ist, jedoch die Entwicklung der Basis in Regional- und Oberligen von der Bundesliga-Verzögerung kaum betroffen sein sollte. Auch könnte eine überhastete Einführung problematisch sein, da Strukturen fehlen. Damit wäre des „Verzöger-Dich-Spielchen“ also überhaupt nicht kritisch für die Entwicklung von Futsal in der Breite. Die aktuellen Entwicklungen in den Futsal-Ligen haben uns jedoch nachdenklich werden lassen. Kann es sein, dass die Verzögerungen doch schlimmer für die Entwicklung des Futsal-Sports sind, als eine plötzliche (spontane) Einführung?

Wertvolle Option auf Qualifikation für eine Futsal-Bundesliga

Fakt ist, da die Bundesliga ständig in „fassbarer“ Nähe für die aktuellen Regionalligisten scheint, möchten diese Vereine auch die Bundesligaoption nicht verfallen lassen. Wer will schon zur Saison der Bundesligagründung das Startrecht verfehlen? Dieser Optionswert auf eine Qualifikation zur Bundesliga (würde diese kommen) schafft aktuell Anreize für Teams in den Regionalligen sich zu verstärken. Auch wenn wir uns alle bewusst sind, dass eine potenzielle Bundesliga nur von einer Handvoll der aktuellen Regionalligisten realisierbar wäre, so will doch jeder Verein zumindest die „Option wahren“.

Die Plündersphase beginnt

Doch wie verstärken? Große Sponsoren lassen sich für die bisher ökonomisch marginal interessanten Regionalligen kaum finden. Der alleinige Optionswert für ein Bundesligastartrecht ist potenziellen Sponsoren/Mäzen einfach zu unsicher – eher eine Vision und bei Visionen sollte man ja bekanntlich lieber zum Arzt gehen (#HelmutSchmidtBestOf). Da das „große Geld“ für externe Verstärkung durch Futsalprofis aus dem Ausland fehlt, bliebe noch die Jugendausbildung. Diese existiert jedoch nicht. Nächste Option wäre die Ausbildung neuer Spieler. Jedoch: zu aufwendig und gute Oberliga-Fußballer sind auch nicht billig. Also findet aktuell die letzte Möglichkeit sehr starken Zuspruch: die Plünderung von Futsalspielern aus kleineren Teams. Es ist ganz einfach: die Spieler aus niedrigen Teams lassen sich oft ohne Ablöse und ohne große Entlohnungsversprechungen holen, denn auch diese Spieler wollen ja die Option auf die Bundesliga wahren. Trainer – oft Freunde der abgehenden Spieler – lassen die Spieler auch gerne ziehen, um den „Weg“ nicht zu blockieren. Auch hat fast jedes schwächere Futsalteam dann doch mindestens einen brauchbaren Futsalspieler, der ein Regionalligateam (zumindest in der Breite) verstärken kann. Genau diese „Plünderphase“ schlägt gerade in allen Ligen durch. Wie uns gemeldet wurde oder wir selbst erleben, werben die Top-Teams seit letzter Saison verstärkt direkt oder indirekt (Spieler bieten sich selbst für Wechsel an) Spieler der unteren Ligen oder schwächeren Regionalligateams ab.

Problem? Im Fußball doch normal!

Wenn diese aktuelle „Plüderinflation“ bei Vereinen und Verbänden angesprochen wird, dann folgt IMMER die gleiche Antwort: „Ist doch im Fußball auch so“. Doch genau dieser Vergleich hinkt bedrohlich und führt zur Unterschätzung der aktuellen Entwicklungen. Denn im Vergleich zum Fußball haben kleinere Futsalteams keine Jugend, aus der Spieler hochgezogen werden könnten. Es gibt auch keine Möglichkeit andere Spieler abzuwerben, da es einfach zu wenige Spieler gibt. Hinzu kommt, dass gerade kleinere Futsalvereine viel geringere Ressourcen haben, um neue Spieler für den Futsal zu akquirieren. Die großen Vereine geben also die Verantwortung zur Neuakquise von Spielern gerade an die Clubs weiter, die keine Ressourcen dafür haben. Dadurch entsteht zwangsläufig ein „Spielerloch“. Es ist das alte Matthäus-Prinzip:“„Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat.“ Ein weiterer Unterschied zum Fußball ist die Motivation mit dem Futsal-Sport zu beginnen. Neben Spielern die schon Futsal kannten (oder intrinsisch motivierte Einzelsportler) kommt die Mehrheit durch Freunde zum Futsal-Sport. Dies wird dann zur Problematik, wenn der „Kumpel“ abgeworben wird. Infolge hören die Freunde nämlich oft einfach auf bzw. gehen zurück zum Fußball wo andere Freunde spielen. Im Fußball würden die Freunde weiterspielen oder in einen anderen Fußballverein wechseln – dem Fußball gehen also keine Spieler verloren. Der Futsal verliert jedoch oft die „assoziierten“ Freunde des wechselnden Spielers. Ein abgeworbener Spieler führt also nicht nur zum Verlust eines Spielers im kleinen Verein, sondern zu 2,3 oder 4 Spielern. Dieser Verlust ist oft nicht kompensierbar und lässt kleine Vereine sterben oder sich einem größeren Verein als dritte oder vierte Mannschaft anschließen. Das diese Entwicklung kein „Hirngespinst“ ist, zeigt unser Bericht zur Mitgliederentwicklung im aktuellen Spieljahr: negativ Wachstum bei den Futsal-Teams.

Warum eine schnelle Bundesliga die Lösung wäre?

Wie geschildert, führt eine Verzögerung der Liga zu einer Konzentration deutscher Futsalspieler auf wenige führende Regionalligisten (oder neuen Clubs mit reichlicher Kapitalausstattung durch einen Mäzen, welche schnell „nach oben“ wollen), da Spieler und Vereine zwar die Option Bundesliga wahrnehmen möchten, für mehr Aktivitäten aber kein Kapital und keine Investmentanreize haben. Eine sofortige Einführung der Bundesliga würde einen alternativen Mechanismus in Gang setzen: Futsalteams könnten konkret mit dem Projekt Bundesliga bei Sponsoren werben und ein Vielfaches an Kapital akquirieren. In Konsequenz würde ein Rattenrennen einsetzen, in welchem alle teilnehmenden Clubs den besten Kader zusammenstellen. Da wenigstens ein Club beginnen würde, ausländische Futsal-Profis einzuwerben, müssten alle anderen Clubs dem gleich tun, um auch nur eine geringe Chance auf ein kompetitives Team zu wahren. In dem Moment, wo die Clubs ausländische Spieler anwerben, sind heimische Spieler zunächst unattraktiv da inländische Spieler qualitativ zu weit weg wären und die Plünderung könnte signifikant nachlassen. Selbst wenn es einen Spieler bei einem kleineren Verein gibt, der qualitativ attraktiv ist, dann müsste ein Bundesligaverein eine deutlich höhere Mindestablöse zahlen – wieder Geld welches der Basis hilft. Ferner würde durch externe Profis das Futsalfieber entfacht werden (welches aktuell stark am Abklingen ist) und somit die Spielerakquise an der Basis vereinfachen. Zusammengefasst: beschließt der DFB bereits morgen die Einführung der Bundesliga zur kommenden Saison, würde die Plünderung bei kleinen Vereinen abrupt abnehmen, mehr Geld würde in den Futsal getragen und die Basis wird dadurch gestärkt.

Appell an die Regionalligisten und den DFB

Da die Bundesliga leider nicht morgen verkündet wird stellt sich nun die Frage, wie der aktuellen „Plünder-Apokalypse“ entgegen gewirkt werden kann. Zum einen wäre da die moralische Verantwortung der aktuell führenden Regionalisten:

  1. Akquiriert selber neue Spieler aus Fußballlandes- und Oberligen, auch wenn es länger dauert. Eine Möglichkeit sind zweite Mannschaften, um diese Spieler schneller an den Spielbetrieb ran zuführen.
  2. Zahlt entsprechende Ablösesummen (min. die vorgeschriebenen Sockelbeträge) an die kleineren Vereine. Dies gilt auch für die Abgabe von Spielern eines höheren Teams an ein niedriges (aufstrebendes) Team. Denkt daran, beim abgebenden Verein ist oft alles freundschaftlich und der Trainer wird seine Freunde kaum sperren lassen, falls keine Ablösebezahlt wird. Diese fehlende Verhandlungsmacht des abgebenden Vereins DARF nicht ausgenutzt werden. Eine Entschädigung über Sockelbeträge wäre ebenso fair, da sich von den Grundbeträgen kein adäquater neue Spieler „finden“ lässt.
  3. Kommuniziert dem kleinen Vereinen die Abwerbevorhaben transparent (Trainer anschreiben) und versucht eine gemeinsame Lösung zu finden (z. B. Abgabe von schwächeren Spielern vom großen an den kleinen Verein, Freundschaftsspiele, kostenlose Teilnahme bei einem Vereinsturnier)

Denn eines muss klar sein: Ohne Unterbau kein funktionierender Wettbewerb. Ebenfalls ist zu bedenken, dass nur wenige Vereine die Bundesliga werden stemmen können. Zudem wird eine Bundesliga zu Beginn eine „Closed League“ sein, da die teilnehmenden Teams Planungssicherheit benötigen, um überhaupt Kapital in profesionelle Strukturen zu investieren. Selbst wenn die Bundesliga „offen“ wäre, wären die Markteintrittsbarrieren so hoch (Etat 200.000€), dass es kaum Aufsteiger geben wird, welche die Lizenzbedingungen erfüllen kann. Wo spielt man also, wenn man in der Regionalliga bleibt und es keinen weiteren Unterbau mehr gibt? Man könnte sich so selbst „ein Bein stellen“.

Der DFB wiederum sollte daran tun, die Bundesliga bereits zur Saison 2020/2021 zu starten, um weiteres „Abgrasen“ von Spielern zu vermeiden. Auch könnten Ablösegrenzen aus unteren Ligen als Auflage für die Bundesliga 2021/2022 diskutiert werden. Da derartige Marktregulieren jedoch eher unwahrscheinlich sind, sollten Futsal-Vereine besonders das Kollektivprinzip im Futsal nicht vergessen. Bei einer kleinen Gemeinschaft ist man immer stärker auf andere Teilnehmer angewiesen. In dieser Hinsicht könnten die Vereine eines Landesverbandes Abwerbegrenzen oder Abwerbeprozesse formlos als „Gentlemen’s Agreement“ absprechen. Entschädigungszahlungen könnten für den Futsal angepasst und Vergehen bei Nichtbeachtung strikt sanktioniert werden.

Fazit: Die negativen Konsequenzen für die Futsal-Entwicklung in Deutschland könnten aus einer zu späten Einführung der Bundesliga größer sein als aus einer zu frühen Einführung der Bundesliga.

Wie seht Ihr das? Haben wir aktuell ein „Plünderproblem“ in den Futsal-Ligen?

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2 Kommentare

  1. Futsalfan · · Antwort

    Die vom DFB propagierte „from the top“ Entwicklung scheint zu stocken.

    Was passiert eigentlich „unten“ auf lokaler (Kreis) Ebene?
    Ohne kleine Lichter, kein Kronleuchter!

    Einstellung der großen Mehrheit der Funktionäre in entscheidenden Positionen:
    „Erster Masterplan erfüllt! Wir müssen nichts mehr tun!“

    Junioren/innen spielen als Winterbeschäftigung seit Jahren schon recht zahlreich. Aber genügt das?
    Das viel Beschworene „es wächst raus in die Senioren“, scheint nicht von allein zu funktionieren.

    1. Hallo Futsalfan. Du hast absolut recht. Leider ist die „Top-Down-Strategie“ des DFB einfach monetäre zu schwach aufgestellt – da kann nicht viel kommen. Die Landesverbände – die eigentlich „Bottom-Up“ machen sollten – investieren noch weniger. Es fehlt einfach das Feuer bei den Funktionären. Futsal für Fussballer wird ebenfalls nicht die nötigen Impulse bringen, da dies die sozialen Verbindungen außer Acht lässt. Die meisten machen Sport um mit Freunden zu zocken.

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