Futsalenwicklung in Deutschland: Alarmstufe Rot?

Der deutsche Futsal wird reifer und systematischer. Einige Regionen haben in den vergangenen Jahren neue Ligen gestartet und somit neuen Teams eine Plattform geboten. Eine wichtige Plattform auf der breiten Ebene, um in der Spitze schlafgräftige Nachwuchsfutsaler zu entdecken und zu entwickeln. Der Schritt zur Nationalmannschaft war ein wichtiges Signal für den deutschen und den internationen Futsal. Trotz all der positiven Zeichen zeigten wir im letzten Jahr bereits in einem Bericht zur Futsalentwicklung, dass die Anzahl der Futsalclubs – entgegen der allgemeinen Wahrnehmung – ins Stocken gerät (zum Bericht). In einem weiterem Bericht beleuchteten wir die Signaleffekte des ersten Länderspiels und konnten nur einen kurzfristigen (dafür aber starken) „Ausbruch“ des Futsalinteresses in Deutschland finden (zum Bericht).

Seitdem ist ein Jahr vergangen und der Futsal hat sich in der Wahrnehmung deutlich weiterentwickelt. Mit Jahn Regensburg und Hohenstein-Ernsttahl wurden neue Referenzpunkte hinsichtlich der finanziellen Ausstattung und somit von spielerischer Qualität gesetzt, an denen sich nun alle Vereine orientieren müssen. Des Weiteren hat Marcel Loosveld die Nationalmannschaft neu sortiert und professionelles Verhalten gefördert, wodurch die Mannschaft überzeugende Spiele absolvierte. Aufgrund dieser positiven Zeichen möchten wir uns nun anschauen, wie sich das Futsalinteresse in Deutschland im letzten Jahr entwickelt hat. Dazu schauen wir uns die allgemeine Entwicklung von Futsalteams (inkl. zweiten oder dritten Mannschaften) und Futsalclubs (keine zweiten oder dritten Mannschaften) an. Danach beleuchten wir die detaillierte Entwicklung in den Regionen und Ligen. Im dritten Abschnitt konsultieren wir die Google-Suchstatistik nach dem deutschen Interesse an Futsal und setzen diese ins Verhältnis zum weltweitem Interesse.

Allgemeine Entwicklung von Futsalteams und Futsalclubs in Deutschland

Abbildung 1

Schauen wir uns die Anzahl der Futsalteams seit 2011 an (Abbildung 1), dann kann festgestellt werden, dass sich der angedeutete Stagnationseffekt im letzten Jahr nun in eine Schrumpfung geändert hat. Insgesamt haben wir in Deutschland 5% an Teams von Saison 2016/2017 zu 2017/2018 verloren. Der Rückgang ist in Bezug auf eigenständige Futsalclub bzw. Futsalabteilungen sogar noch stärker (-9%). Dies resultiert aus Vereins-/Abteilungsauflösungen und Fusionen (z.B. Lions Düsseldorf und Fortuna Düsseldorf, Selecao Wuppertal und Löwen Wuppertal zu WSV Wuppertal). Die Verschmelzung von Teams ist besonders dahingehend kritisch, dass Spieler großes Interesse daran haben, wenn man in der „Ersten“ spielt. Durch Fusionen werden jedoch erste Mannschaften zu zweiten oder dritten Mannschaften „degradiert“. Aus der Vergangenheit ist abzuleiten, dass die Überlebenswahrscheinlichkeit von zweiten oder dritten Mannschaften deutlich geringer ist als von ersten Mannschaften. Eine größere Schrumpfung von Clubs als von Teams könnte daher langfristig zu weiteren Teamsterben führen. Bei der Berechnung ist ebenfalls eingeflossen, dass Teams aus Baden und Württemberg nur geschätzt werden, da diese aktuell noch keinen Spielplan festgelegt haben. Die Zahlen unterschätzen möglicherweise die Schrumpfung in Deutschland. Die Zahlen belegen daher, dass der Futsal in eine kritische Phase eintritt und daher „Alarmstufe Rot“ bei Landesverbänden und DFB gelten sollte.

Entwicklung Futsalteams und Futsalclubs in den Regionen

Ausgehend vom allgemein Trend stellt sich die Frage, in welchen Regionen das Wachstum stärker und in welchen schwächer ist. Betrachtet man Abbildung 2 wird deutlich, dass der positive Trend von 2013 bis 2016 besonders vom Verband Westfalen ausging. Hier schaffte man innerhalb einer Saison 14 neue Mannschaften “anzulocken“. Zur aktuellen Saison ist jedoch von dieser Entwicklung nichts geblieben. Unterm Strich befindet sich Westfalen auf dem Niveau von 2013. Unter der gleichen Themen leidet ebenfalls Berliner. Von 43 Teams im Jahr 2011 sind nur noch 24 geblieben (22 Berlinliga, 2 Regionalliga). In Baden schrumpfte man von einer der strukturell stärksten Liga zu aktuell keiner Liga. Konstante Verbände sind Niederrhein, Hamburg und Hessen. Hier konnte über die Jahre ein anhaltendes Futsalinteresse geschaffen werden. Wachstumsimpulse sind in den letzten Jahren besonders im Mittelrhein

und Niedersachsen zu beobachten. Positiv ist ebenfalls zu erwähnen, dass in einigen Regionen – im Vergleich zu 2011 – Spieler in reinen Futsalteams/-vereine organisiert sind (Schleswig-Holstein, Saarland, Niedersachsen). Ein absoluter Gewinn ist die neu geschaffene Regionalliga Nord. Somit fehlt nur noch der Regionalverband Süd-West mit einer Regionalliga, ein Umstand welcher für eine faire Qualifikation zur deutschen Meisterschaft dringend notwendig wäre. Es ist am Ende also festzustellen: Futsal breitet sich zwar „flächenmäßig aus“, stagniert und schrumpft jedoch in der Konzentration.

Abbildung 2

Entwicklung des allgemeinen Futsalinteresses

Wie im Bericht von 2016 nutzen wir im dritten Teil die Google-Trend-Statistik, um das allgemeine Interesse an Futsal abzubilden. Die Google-Trend-Statistik beruht auf eingegebenen Suchwörtern bei google.de und google.com. Wir haben die Statistik für die Suchanfragen nach „Futsal“ abgerufen. Abbildung 3 zeigt die weltweite und die deutsche Abrufstatistik von 2014 bis 2017. Dabei werden die jeweiligen Abrufzahlen ins Verhältnis zur maximalen Aufmerksamkeit (=100) gesetzt. Daher scheinen die Verläufe der weltweiten und deutschen Statistik zahlenmäßig ähnlich, jedoch sind die weltweiten Aufrunde absolut deutlich größer als die Suche nach „Futsal“ in Deutschland. Es lässt sich jedoch das relative Interesse im Zeitablauf gegenüberstellen. Das größte Interesse „entfachte“ Futsal in den letzten drei Jahren weltweit zur Futsalweltmeisterschaft 2016 in Kolumbien (Referenzwert Weltweit) und in Deutschland zum Länderspiel Deutschland gegen England 2016 (Referenzwert Deutschland). Einen starken Einfluss auf das Futsalinteresse weltweit und deutschlandweit hatte zudem die Futsaleuropameisterschaft im Feburar 2016. In Deutschland sorgt außerdem der Futsalländerpokal im Januar jeden Jahres für einen signifikanten Anstieg im Futsalinteresse. Auch die beiden Länderspiele der deutschen Mannschaft im Jahr 2017 lassen sich sehr eindeutig aus dem Verlauf ablesen.

Abbildung 3

Insgesamt zeigt weder das weltweite noch das deutsche Interesse am Futsal einen ansteigenden Effekt. Die Verläufe sind lediglich durch Highlightevents unterbrochen, schaffen es jedoch nicht langfristig von den Einmaleffekte zu profitieren. Einfach ausgedrückt: das Futsalinteresse in Deutschland stagniert trotz der Highlights, die wir alle als positives Signal identifizieren. Damit spiegelt der Verlust an Futsalteams sich auch im stagnierenden Interesses wieder. Ökonomisch ist dies sehr kausal: das Interesse stagniert, aber die Kosten eine wettbewerbsfähige Mannschaft zu stellen steigen rasant, was wiederum die Überlebenswahrscheinlichkeit von Futsalteams negativ beeinflusst.

Fazit

In unseren letzten Berichten hatten wir es nur vermutet, doch jetzt ist es bestätigt: einen Futsal-Boom hat es bisher in Deutschland noch nicht gegeben bzw. der Futsal ist von einer Wachstumsphase in eine Schrumpfungsphase gerutscht. Implikationen aus den Ergebnissen sind vielfältig und geben Raum für einen separaten Bericht. Eine wichtige Erkenntnis sollte aber aus dem Bericht klar sein: ein Umdenken im aktuellen Futsalplan von Landesverbänden und DFB ist notwendig, um das Interesse an Futsal zu stabilisieren und zu multiplizieren. Futsal ist Moment kein Selbstläufer und bedarf einen langfristigen Plan. Es werden stetige Anreize benötigt, um neue Teams für den Sport zu begeistern und bei der „Stange zu halten“. Um der speziellen Situation dieser Sportart gerecht zu werden, könnten zum Beispiel externe Agenturen beauftragt oder Forschungsanträge vergeben werden, um zielführende Handlungsempfehlungen und Veränderungsprozesse für die Landesverbände und den DFB abzuleiten (kürzlich hat der DFB die Förderung eines Forschungsantrages der Universität Duisburg-Essen zur Erforschung von Entstehung und Auflösung von Futsalvereinen in Deutschland auf unbestimmte Zeit verschoben).

Was meint ihr zu der Situation? Sind wir in der „Alarmstufe Rot“ oder ist es nur ein kurzfristiges Tal? Schreibt es uns in den Kommentaren.

 

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