Das erste Futsalländerspiel: Organisatorischer Rückblick und Ideen für die nahe Zukunft

Vor genau einer Woche startete ein neues Kapitel für den deutschen Futsal: die internationale Präsenz der DFB-Auswahlfünf. Mit einem medialen Spektakel angekündigt, erfüllte das spielerische und das emotionale Ergebnis alle Hoffnungen die man an das Spiel gestellt hatte. Die Spiele waren mit knapp 2100 Karten (vorher 2500) offiziell ausverkauft bzw. wurden als Freikarten an Verbände und Vereine verschenkt. Abzüglich der leeren Sitz- und Stehplätze, waren an beiden Spielen geschätzte 2000 Zuschauer in der Halle. Für jedes europäische und weltweite Futsalfreundschaftsspiel ein fantastisches Ergebnis. Auch die Stimmung am Sonntag war – bedingt durch die Reisegruppe aus Schwerte – perfekt. Am Dienstag hätte der DFB vielleicht der einen oder anderen Fangruppieren die Anreise finanziell attraktiv machen können, um die Stimmung während des Spiels zu „pushen“. Sogar das Sport1-Kommentatoren-Duo hat seine Aufgabe sehr zufriedenstellend erledigt, besonders wenn man die fehlende Futsalvorerfahrung bedenkt. Spielerisch suchte man sich sehr akribisch einen Gegner, dessen Stärken man gut kompensieren konnte. So stand am Ende auch ein sportlich mehr als zufriedenstellendes Ergebnis.

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Trotz einiger kritischer Anmerkungen zur Vermarktung des Spiels (https://misterfutsal.de/2016/10/01/was-das-erste-laenderspiel-ueber-das-verstaendnis-des-dfb-von-futsal-in-deutschland-verraet/), muss die gesamte Futsalcommunity dem DFB wirklich für das mediale „Trommelfeuerwerk“ sehr dankbar sein. Kurz vor den Spielen machte sich der DFB seines wertvollen Sozialkapitals klar und schaltete seine sozialen Netzwerke ein: Horst Hrubesch, Mats Hummels, Julian Weigl – den Support nur einer dieser bekannten Namen würde sich jede Wachstumssportart wünschen. Auch die Community selber befeuerte mit täglichen Posts die Diskussionen und die Vorfreude auf das Spiel. Ebenso  Wendelin Kemper und Fred Michalsky, welche alle wissbegierigen Futsalenthusiasten täglich mit wertvollen Informationen aus dem inneren des Nationalmannschaftskreises fütterten. Dies alles führte dazu, dass Deutschland endlich auf den bekannten Futsalkanälen (z.B. Mio Futsal, Zona Tecnica Futsal) positiv Erwähnung fand. Alles in allem ein notwendiges Spektakel, um den Futsal in Deutschland einen Schub zu geben, welcher aufgrund eines verlangsamten Wachstums (https://misterfutsal.de/2016/10/29/futsalwachstum-warum-der-aktuelle-futsal-hype-dringend-benoetigt-wird/) zum rechten Zeitpunkt kommt.

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Wie auch in der Politik und Wirtschaft, folgen nach Auftaktsiegen lange Wochen, in welchen das Erreichte als Multiplikator genutzt werden muss, um weiteres Wachstum zu ermöglichen. Wir haben in der Vergangenheit immer wieder notwendige zusätzliche finanzielle Investitionen diskutiert, welche für eine Professionalisierung von Futsal in Deutschland noch notwendig sind. Jedoch muss der aktuelle Hype nicht unbedingt durch finanzielle Investitionen gestützt werden. Vielmehr wird in den nächsten Monaten von Bedeutung sein, die aktuellen Strukturen noch mehr auf die Entwicklung von Futsal zu fokussieren, um mittelfristig die Leistung gegen England zu widerholen und auszubauen. Derartige – vorwiegend nicht finanzielle und kurzfristige – Veränderungen, welche den Hype in reales Wachstum an Clubs und Spielern wandeln könnten, sind bei genauerem Hinsehen vielfältig. Nachstehend daher eine Auswahl von nicht kostspieligen, aber elementar wichtigen Änderungen.

 

Kommunikation von Futsal als eigenständige Sportart

Weiterhin wird in den Medien die Rechtfertigung für Futsal in den Vorteilen für Fußballer gesucht. Nun existiert jedoch eine Nationalmannschaft, welches Rechtfertigung für Futsal alleine ist. Futsal dient sich selber und der Entwicklung von Futsalspielern. Es muss nicht erwähnt werden, dass es auch Vorteile in der Fußballausbildung gibt, denn grundlegend wird der Futsal Spieler benötigen, welche sich rein auf Futsal spezialisieren. Die Kommunikation als Selbstzweck von Futsal stärkt die Ausrichtung und ist wichtig, möchte man in 3-5 Jahren vielleicht eine Bundesliga etablieren. Auch bleibt es aus unserer Sicht weiterhin dabei: Futsal muss nicht den deutschen Hallenfußball ablösen: Futsal ist Futsal, Fußball ist Fußball und Hallenfußball ist Hallenfußball.

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Anreize zur Vereinsgründung erhöhen

Angenommen, die mediale Aufmerksamkeit der vergangenen Wochen hat neue Spieler von Futsal überzeugt, ist die Frage, wo diese Spieler hinsollen. Oft gibt es nur einen Verein pro Stadt und die Kader sind voll. Es bestehen aktuell also sehr restriktive Kapazitätsgrenzen. Schlechter talentierte Interessenten finden also keinen Platz in bestehende Mannschaften. Hingegen werden gute Spieler schnell aufgenommen, was jedoch schlechtere Spieler wieder aus dem Team treibt. Es sollten also schnell neue Kapazitäten entstehen, um den Hype in reale Neuanmeldungen zu wandeln. Dazu könnten vor allem die Kosten für Teilnahme am Wettbewerb verringert werden, um die Gründungen neuer Mannschaften oder die Gründung einer zweiten Mannschaft attraktiv zu machen. Zu derartigen Maßnahmen zählen die Teilnahme von Teams ohne Vereinsgründung durch die Schaffung eines zentralen Ligavereins (ähnlichen Hobbyligen), welcher die versicherungstechnischen und organisatorischen Voraussetzungen (Trikots stellen, Hallen buchen etc.) abdeckt und so die Meldung einer Mannschaft ohne den Aufwand einer Gründung ermöglicht. Weitere, weniger aufwendigere Maßnahmen, sind die Reduktion von Meldegebühren, Kautionen und Schiedsrichterkosten (oder Minimierung von notwendigen Schiedsrichtern). Teams, die eine zweite Mannschaft stellen, könnten Erleichterungen eingeräumt oder ein Bonus in Aussicht gestellt werden (z.B. Ballkontingente, Teilnahme an Schulungen, Freikarten für Fußballgroßevents). Da das größte Problem in notwendigen Hallenkontingenten besteht, könnte sich der Landesverband mit den jeweiligen Städten in Verbindung setzen und in den Verhandlungen Druck auf die Städte auszuüben oder einfach vorhandene Beziehungen zu nutzen.

 

Entkoppelung vom Fußballrahmenspielplan, Fußballspielordnungen und Verbandsspruchkammer

Futsalwachstum könnte in den nächsten Monaten auch dadurch gesteigert werden, dass zentrale Events wie das Finale der DFB-Futsal-Meisterschaft nicht mehr mit dem Fußballspielplan vereinbar gemacht werden. Die Futsalligen und die Futsalrahmenspielpläne sollten von oben herab mit den Futsalauswahlmannschaften synchronisiert werden, möchte man die Futsalsystemeffizienz maximieren. Nachdem die Nationalmannschaft existiert, sollte der Futsal seine Eigenständigkeit mehr als eindrucksvoll bewiesen haben, wodurch die Abstimmungen zur Entkoppelung in den notwendigen Gremien einfach sein sollte. Ähnlich verhält es sich, mit der Etablierung einer deutschlandweiten, eigenständigen Spielordnung, welche in keinem Punkt mehr von Fußballverordnungen abhängig ist. Wie bereits vor einigen Wochen berichtet (https://misterfutsal.de/2016/10/18/verbandsspruchkammer-als-wand-gegen-den-futsal-interview-mit-sebastian-rauch/) sollte besonders die Sportsgerichtsbarkeit entkoppelt werden, so dass Entscheidungen aus dem Futsal keine Auswirkung mehr auf den Fußball haben und umgekehrt. Alle diese Veränderungen wäre reine Formalien.

 

Einrichtung einer offenen und regelmäßigen Futsaltagung

Der Futsal wird noch großteilige von ehrenamtlichen getragen. Gemeinsam weiß die Community viel, jedoch ist das Wissen noch nicht gleichverteilt. Regelmäßige Tagungen würden zu einem strukturierten Austausch von Wissen und zum Ausbau von wichtigen Netzwerken beitragen. Die Ausrichtung könnte im Rahmen des Länderpokals oder des Finales der deutschen Meisterschaft stattfinden, was die Kosten deutlich reduziert, da Räumlichkeiten gebucht sind und potenzielle Teilnehmer sowieso anwesend sein werden.

 

Abkoppelung von Fußball-Trainer-Lizenzen und Fußballschiedsrichtern

Sehr oft sind futsalspezifische Weiterbildungsangebote und andere Zertifikate von Fußballlizenzen abhängig. Jedoch wurde das vorherrschende Wissen in Deutschland mehrheitlich durch reines autodidaktischen Erlernen erzielt. Ob jemand eine Fußballlizenz hat oder nicht, ist nicht entscheidend für seine Futsalkompetenzen. Sollten Zutrittsvoraussetzungen notwendig sein, sollte eher nach der Zeit als Trainer in einer Futsalmannschaften gelten – nicht jedoch Fußballlizenzen. Mittelfristig sind dann natürlich Futsal-Lizenzen notwendig, jedoch ist dies wieder mit tieferen Investitionen verbunden, weshalb dies hier nicht thematisiert wird. Darüber hinaus sollten Futsalschiedsrichter nicht notwendiger Weise einen Fußballschiedsrichter machen müssen und auch keine Verpflichtung zum Leiten von Fußballpartien haben. Dies hemmt das Wachstum von Schiedsrichtern aus ehemaligen Futsalspielern und somit das Gesamtwachstum.

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Zusammenfassung

Das Futsalländerspiel war ein gelungener Meilenstein und könnte im nächsten Jahr zu einem Wachstumsschub in Deutschland führen. Möchte man den Hype optimal nutzen, sollten jedoch einige kurzfristige Optionen gezogen werde, welche nicht sehr kostenintensiv, aber elementar sein könnten. Grundsätzlich ist dabei klar, dass sich der Futsal in seiner Identität  vom Fußball entkoppeln sollten und Anreize zur Mannschaftsgründungen erhöht werden sollten. Auch der Austausch von Wissen zwischen den „Wissenden“ sollte gefördert werden. Weitere zukünftige – sehr kapitalintensive – Veränderungen wie Jugendarbeit (hierzu mehr in einigen Tagen), Lizenzsysteme und eigene Regionalverbände müssen mittelfristig gelöst werden. Langfristig steht dann eine Bundesliga und Juniorennationalmannschaften.

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4 Kommentare

  1. Alois Roehrl · · Antwort

    Danke. Das ist sehr gute Darstellung des Jetzt und einer möglichen Zukunft. M.e. Ist das größte Problem die noch fehlende Jugendarbeit. Ich bin selber Jugendtrainer und versuche schon seit einigen Jahren hier im Verein etwas zu bewegen. Das ist Sysiphusarbeit. In Bayern sowieso ;-))

  2. Herr Fred Michalsky · · Antwort

    Ich danke Euch für Euer Engagement und Anregungen.
    Vielleicht wäre ein Austausch von euch mit den Verantwortlichen beim DFB nützlich und berichtet dann über diese Schritte. Vieles von dem, ich glaube fast alles, steht bereits auf der Agenda, ist im Masterplan verankert oder fertig(z.B. Ausbildungsunterlagen. Viele wollen uns helfen, die sollten wir nicht verärgern. Wenn wir es gemeinsam tun werden wir Erfolg haben. Der DFB wird sich an den Wünschen des Kunden ausrichten. Wir die Futsaler müssen durch unsere Basisarbeit in den Vereinen für diesen Bedarf sorgen.
    Besonders in der Jugendarbeit sollten wir über den Zaun in Europa gucken. Wir sind in vielen Teilen Deutschlands auf einem sehr zielführenden Weg.
    Ich kenne viele der handelnden Personen. Viele davon ehrenamtlich. Steigt mit in die Diskussionen ein, wirkt mit, streut keine Gerüchte und behaltet Sachlichkeit. Dann werden auch die Entscheidungsträger die diese Seite noch lesen eure Anregungen aufnehmen. Ich gehöre nicht dazu, aber ich kenne viele davon. Wir wollen alle das Selbe – tollen, faszinierenden Futsal in der Breite und in der Spitze. Danke für eure Arbeit

  3. Steffen Bonnekamp · · Antwort

    Wo und wann sind denn die Beiträge hier bei Mister Futsal nicht sachlich? Verstehe ich deinen Hinweis als generelle Info an alle Lesenden und Interessierten oder werden hier tatsächlich Gerüchte gestreut und unsachlich argumentiert und ich habe das bislamg nicht mitbekommen?

  4. Futsalfan · · Antwort

    Ist es nicht etwas zu früh jetzt schon konsequent zu entkoppeln und Fußball von Futsal stark zu trennen?
    Im Juniorenbereich spielen alle Fußball und viele (leider noch nicht alle) im Winter in der Halle Futsal. Eine ganzjährige Juniorenliga gibt es in Anfängen nur in Hamburg.
    Wir brauchen Geduld, denn es werden Junioren beim Futsal hängenbleiben, die dann immer spielen wollen. Das klappt aber nur, wenn weiterhin eine Zweigleisigkeit möglich ist. Terminlich muss da Rücksicht genommen werden im Moment. Das ist häufig ein großes Problem, was wir aber lösen müssen.

    Ihr macht hier eine Klasse Seite. Danke dafür!!!

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