Spielanalyse zum Länderspieldebüt gegen England (5:3 Sieg)

Das lange Warten hat ein Ende, die deutsche Futsalnationalmannschaft hat ihr erstes Länderspiel bestritten. Und nicht nur bestritten, sondern souverän mit 5:3 gegen England gewonnen. Wir werfen aus taktischer Sicht ein Blick auf die erste Partie der deutschen Mannschaft.

Die ersten Minuten, die deutsche Nationalmannschaft kommt gut in das Spiel

Die Partie begann mit sehr hohem Tempo und einer sowohl hoch motivierten wie auch mutigen deutschen Mannschaft. Die ersten fünf Spieler, die in die Geschichte als Nationalspieler auf dem Feld eingegangen sind, waren neben Ceylani (1) aus Hamburg im Tor Timo Heinze (6) als Kapitän, Nils Klems (13), Stefan Winkel (3) sowie Michael Meyer (10). In der Abwehr verfolgte das deutsche Team eine sehr variable Ausrichtung, die die Engländer vom ersten Moment an große Probleme bereitete. Die ersten Minuten agierten sie mit einer offenen Verteidigung auf ½-Feld sowie punktuell auf 3/4 -Feld, während die Engländer das deutsche Team direkt mit einem Vollfeldpressing überraschen wollte. Danach zogen sich diese vermehrt tiefer zurück, da die Zugriffe zu Beginn nicht funktionieren. Das deutsche Team ließ sich davon nicht groß beeindrucken. Ohne klaren Pivot überzeugten gerade Meyer und Winkel mit viel Beweglichkeit in einem verkappten 4-0 System.

1Die erste größere Chance zur Führung hatte auch die deutsche Mannschaft in Person von Christopher Wittig über eine Parallela in der dritten Spielminute, nachdem der zweite deutsche Block mit Elezi, Di Giorgio, Khalili und Wittig auf dem Feld stand. Beide Blöcke wechselten sich zu Beginn fast vollständig ab. Mit Wittig fokussierte sich das Team mehr auf den großen Spieler als festen Pivot, der gerade zu Beginn der Partie für viel Struktur sorgte. Gegen den zweiten Block konnten die Engländer mehr Spielanteile gewinnen, da der Druck in der Defensive weniger groß war. Stuart Cook (12) nutzte einige Freiräume durch seine individuelle Qualität, um in der fünften Minute die ersten Chancen für die Gäste zu kreieren. Trotzdem fiel in dieser Phase der Partie auf, dass die deutsche Mannschaft individualtechnisch sowie körperlich überlegen war. Gerade durch die Geschwindigkeit von Meyer und Winkel, sowie bei den Tempowechseln von Khalili und Elezi wurden diese Defizite auf englischer Seite ersichtlich.

Folgerichtig lies das erste Tor der deutschen Nationalmannschaft nicht lange auf sich warten. In die Geschichtsbücher durfte sich Timo Heinze als Torschütze in der achten Spielminute eintragen. Und aus futsaltaktischer Sicht war es zusätzlich ein fantastisches erstes Tor. Nach einem Einkick auf der rechten Seite von Heinze ca. 10m vor dem gegnerischen Tor spielt dieser zur Entlastung zurück auf Klems, der direkt links auf Winkel spielt, damit dieser das 1gg1 auf dem Flügel suchen konnte. Beim Dribblingansatz bewegte sich Timo Heinze als Pivot sofort im Rücken des Gegenspielers in Richtung auf den zweiten Pfosten, um dort den Ball im Nachfassen über die Linie zu drücken. Deutschland führt mit 1:0.

Mit der Führung im Rücken spielten die Gastgeber noch überzeugender. Die Engländer zeigten in der Rückwärtsbewegung einige Stellungsfehler sowie Probleme bei dem Tempo des deutschen Umschaltspiels. Die Engländer schafften es wegen ihrer körperlichen Defizite nicht immer geschlossen hinter der Balllinie zu kommen. Das deutsche Team erhöhte dabei seine Schlagzahl mit dem Hamburger-Trio Khalili, Meyer und Winkel, dass wahlweise durch Klems (eher strukturgebender) oder Di Giorgio (eher zwischen den Linien) ergänzt wurde. In dieser, wohl jeweils stärksten, Zusammenstellung konnten die Gastgeber weder team- noch individualtaktisch Druck auf das deutsche Team ausüben. Die internationale Erfahrung der Hamburger zeigte sich in dieser Partie deutlich.

Vorentscheidung? Erstmal ja, dann plötzlich doch nicht.

4Auffällig positiv deutete sich bei dem deutschen Team die Standardsituationen an, die durchgängig mit vorgefertigten Abläufen überzeugten. So schien es nur logisch, dass eine intelligente Freistoßvariante zum zweiten Tor führte. Winkel legte quer auf Di Giorgio, während zwei Spieler vom und über dem Ball zum Block zur Ablenkung sich wegbewegten. Das 2:0 führt jedoch nicht zu einer Vorentscheidung, die kurze Zeit später hätte fallen können, sondern zu einem Aufbäumen der Gäste. Douglas Reed (4) erzielte per abgefälschten Fernschuß den Anschlusstreffer, ehe kurz vor der Halbzeit bei einem Abwurf Ceylani (1) der Ball unglücklich aus der Hand rutschte und so Reed (4) zum Ausgleich traf. In die Kabine ginge die beiden Mannschaften somit mit einem Remis. Obwohl die deutsche Mannschaft bis dahin mehr vom Spiel hatte und ein leichtes Chancenplus verzeichnen konnte, durfte man auf beiden Seiten mit einem Unentschieden nicht gänzlich unzufrieden sein. Im letzten Drittel des Feldes sowie bei engen Situationen fehlte bei beide Teams die Präzision, so dass wenige Abschlusschancen entstehen konnten.

Zweite Halbzeit, Spielkontrolle und verdiente Führung

Die zweite Halbzeit startete ähnlich wie die erste. Die Engländer versuchten sofort mit hohem Druck gegen den Ball den deutschen Spielaufbau zu stören. Jedoch überzeugten die deutschen Nationalspieler mit einem teilweise absurden Pressingresistenz durch Klems, Meyer, Winkel, Khalili sowie den reinrotierten Lernnart Hartmann. Dabei überzeugte in einem stärker als 3-1 ausgelegten Spielsystem Khalili mit intelligenten Entscheidungen beim Blockspiel, um die eigenen Aufbauspieler vom Pressing zu befreien. Durch die zusätzliche Breite im Offensivspiel konnten so lange und schwierige Bälle auf den Pivot bis zum klaren Pass gemieden werden. Dies stand im Kontrast zum Spiel von England, die relativ schnell und einfach den langen Ball auf ihren Pivot, wahlweise Ballinger (8) oder Ward (11), versuchten, jedoch wenig Erfolg hatten, da die Ala´s in der Defensive gute individualtaktischen Entscheidungen bezüglich Blocksetzung und Doppeln des Pivots trafen. Dabei funktionierte die defensive Raumaufteilung der deutschen Mannschaft in einem 2-1-1 gut, um sich gegen ein Eindringen der Englänger zwischen den Defensivlinien durch den Pivot zu schützen.

Die körperlichen Nachteile der Engländer äußerten sich in dieser Phase des Spiels deutlicher durch eine weiter zurückgezogene Defensivlinie. Dabei konnte gerade Wittig durch die Nähe zum Tor seine körperlichen Vorzüge im Pivotspiel ausspielen und in der Mitte Platz schaffen. In der 26 Minuten konnte dieser dann einen Abschluss Richtung zweiten Pfosten von Meyer in zentraler Position zum 3:2 nutzen. In der 30 Minute erhöhte Lennart Hartmann noch durch eine gelungene Einzelsituation zum 4:2, während umgekehrt das deutsche Team situativ auf ¾ und Vollfeld erhöhte. Die Halle brodelte durch die verdiente Führung unter den Gesängen der zahlreich angereisten Schwerte-Fans, die für eine außergewöhnliche Stimmung sorgten und dafür mit Applaus gehuldigt wurden. Das 5:2 von Meyer alá Miguelin über den linken Flügel mit einer fantastischen Bewegung in die Mitte führte zu einem letzten Aufbäumen der Engländer mit dem Flying Goalkeeper. Dabei entschieden sich die Engländer für einen etwas asymmetrischen Flying mit einem eingerückten Ala auf der linken Seite, um das deutsche Team zu einem zu schnellen Zugriff zu bewegen. Dies funktioniert nicht gegen eine strukturierte deutsche Abwehr, in der ein passendes Anlaufen über die erste Linie mögliche Passwege schnell schloss. Das deutsche Team entschieden sich, das Flyingspiel der Englänger mit hohem Druck vom eigenem Tor wegzuhalten und in die gegnerische Hälfte zu verschieben. Nur einmal konnte sich die englische Auswahl über einen Pass in die tiefe lösen, den Webb (10) in einer unnachahmlichen Einzelaktion gegen den ansonsten stark agierenden Pavlos Wiegels (12), der in der zweiten Halbzeit Ceylani (1) im Kasten ersetzte, verwandelte. Der Spielausgang war dadurch nicht mehr gefährdet. Deutschland siegt über England im ersten offiziellen Länderspiel verdient und überzeigend mit 5:3.

Der wichtige erste Sieg. Wohin geht die Reise?

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Geschichte geschrieben. Timo Heinze erzielt das erste Tor für Deutschland

Somit feiert die deutsche Nationalfünf den ersten wichtigen Sieg für Futsaldeutschland. Die Rahmenbedingungen waren ebenso überzeugend wie das Spiel der deutschen Mannschaft. Mit England hat der DFB einen passenden Gegner auf Augenhöhe ausgesucht, der für eine Standortbestimmung genau richtig erscheint. Sehr gut hat uns die körperliche und technische Überlegenheit der deutschen Mannschaft gefallen. Gerade der Block aus Hamburg überzeugte hier mit hoher Pressingresistenz, Ruhe und exzellenter Entscheidungsfindung. In der Defensive zeigte das deutsche Team ebenfalls hohen Variantenreichtum in Bezug auf die Höhe der Verteidigungslinie. Das 2-1-1 System ohne systemintegrierte Gegensicherung funktionierte gegen England sehr gut, da diese kaum schnellgenug nachrücken konnten. So konnte das englische Team oft weit vom deutschen Tor weggehalten werden. Allerdings konnten doch Unterschiede je nach Teamzusammenstellung erkannt werden. Gerade hier kann und darf weiter verbessert werden. Es war ein würdiges Debüt und verspricht eine interessante Entwicklung. Chapeau und Danke, Jungs. Außerdem wollen wir uns ausdrücklich für die fantastische Präsens des Futsals im deutschen Fernsehen bei Sport1 bedanken. Wir freuen uns auf den kommenden Dienstag!

Was meint Ihr zum ersten Länderspiel? Schreibt es in die Kommentare!

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3 Kommentare

  1. Glückwunsch an die Jungs… Tolle Leistung aber man muss auch sagen England war heute auch ein Dankbarer Gegener

  2. Mann des Spiels für mich Michael Meyer. Wie er den Spielaufbau gestaltet, wie er das Tempo verändert, wie er Torchancen kreiert hat.
    Neben ihm haben Khalili, di Giorgio und Klems wohl das meiste Futsal-Verständnis.
    Hartmann – seine Ballkontrolle – der Mann ist einfach gemacht für Futsal. Hoffentlich kann er zukünftig mehr in der Halle trainieren.
    Beide Torhüter waren sicherer Rückhalt, Spieleröffnung ist noch ausbaufähig.

  3. spectator · · Antwort

    Respekt! Das war ein spektakulärer Premierenauftritt auf dem Futsalparkett. Aber warum spielt die Futsal-Nationalmannschaft mit vier Sternen auf der Brust? Ich finde, dass man darauf verzichten sollte. Erstens steht dem DFB als Neuling im Futsal etwas Zurückhaltung gut zu Gesicht. Zweitens würde man so die Eigenständigkeit des Futsals betonen. Die Frauen-Fußball-Nationalmannschaft verwendet ja auch nicht die Sterne der Männer. A propos: Wie steht es eigentlich um den Frauen-Futsal? Davon ist eigentlich nie die Rede…Schade!

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