Mister Futsal fragt: Marlon Wendt

Der Berliner Futsal ist seit rund 10 Jahren fester Bestandteil der deutschen Futsalszene. Wie auch in anderen Verbänden mit aktiven Futsalligen, basiert die Entwicklung auf dem Einsatz weniger sehr aktiver Futsalenthusiasten. Das Berliner Futsal-Organisationsteam hat sich in den letzten Jahren immer wieder gewandelt. Einer der bereits sehr lange dabei ist: Marlon Wendt.  Im Interview berichtet Marlon von der Berliner Futsalszene. Besonders interessant ist das „Berliner-Futsal-Modell“ aufgrund der außergewöhnlichen Struktur des Wettbewerbes: eine Saison erstreckt sich über 6 Monate anstatt über 12 Monate. Zudem wurde die Berliner Szene besonders durch niedrige Einstiegshürden über eine Art Hochschulliga schnell groß – verliert jedoch in den letzten Jahren  immer weiter Teams. Wir haben mit Marlon über sich, das Berliner-Futsal-Modell und den deutschen Futsal im Allgemeinen gesprochen.

20161127_124231_Marlon Wendt: Trainer von CFC Hertha 06 und Hauptverantwortlicher für den Futsal in Berlin

MF: Hi Marlon. Vielen Dank, dass Du uns und der Futsalszene ein wenig  deiner wertvollen Zeit widmest.  Du hast in den letzten Jahren viel im Bereich Futsal gemacht. Was sind deine aktuellen Funktionen im Berliner Futsal und wie bist du persönlich zum Futsal gekommen?

MW: Ich bin 2007 über den Hochschulsport zum Futsal gekommen. Seit 2012 habe ich mein eigenes Team (CFC Hertha 06) in der Liga gemeldet und bin seitdem auch mit kleineren Unterbrechungen für den Berliner Fußball-Verband als Staffelleiter aktiv. Als sich der langjährige Futsal-Beauftragte Achim Engelhardt 2015 nach einem Jahrzehnt, in dem er den Futsal in Berlin aufgebaut und geprägt hat, zurückzog, habe ich die Aufgaben der strategischen Planung, Hallenkoordination und Öffentlichkeitsarbeit zusätzlich übernommen und bin derzeit also der Ansprechpartner und Hauptverantwortliche für den Futsal in Berlin.

MF: Wie steht es aktuell um den Berliner Futsal? Was hat sich in den letzten Jahren geändert?

MW: Ich sehe den Ist-Zustand generell als positiv an, denn in Berlin haben wir eine Vielzahl von Teams (um die 25) und aktiven Spielern, die leidenschaftlich gerne Futsal spielen. Als vor ungefähr vier Jahren die Kooperation mit den Hochschulen endete und die Futsal-Liga in den Spielbetriebskatalog des Berliner Fußball-Verbandes integriert wurde, hat sich aufgrund der höheren Anforderungen und zunehmenden Professionalisierung die Anzahl der gemeldeten Teams, die fortan als Verein weiterbestehen mussten, über die Jahre von fast 50 um annähernd die Hälfte reduziert, was an sich aber gar nicht so sehr ein Problem ist. Ich sehe vielmehr folgende drei Probleme, die es in Zukunft anzugehen geht: Erstens fehlen die Teamstrukturen, die es für Nachhaltigkeit eigentlich bräuchte. Die wenigsten Teams trainieren und oft ist es sogar nur ein einziges engagiertes Teammitglied, das alles für sein Team organisiert. So braucht es nicht wundern, wenn hin und wieder ein Team zusammenbricht und gänzlich von der Bildfläche verschwindet. Zweitens haben wir ein Nachwuchsproblem, das eben auch daraus folgt, dass die Teams selten trainieren und auch nur selten eine Website haben, über die man sich als interessierter Futsalspieler bewerben könnte. Bei den Neuanmeldungen fällt auch auf, dass wir gerade jüngere Spieler mehr erreichen müssen. Eine U18-Liga, wie sie in Hamburg ins Leben gerufen wurde, fände ich auch für Berlin sehr interessant. Das dritte und derzeit eindeutig größte Problem ist die Beschaffung von Hallenzeiten. Aufgrund mangelder Hallenzeiten ist es den Teams oft schon gar nicht möglich, zu trainieren und Stand jetzt wäre es auch gar nicht möglich, den Spielbetrieb etwa um eine Junioren- oder Frauen-Liga zu erweitern, weil uns schlicht und einfach die Zeiten dafür fehlen. Trainingszeiten waren schon immer kaum zu bekommen. Aufgrund der Tatsache, dass unzählige Berliner Sporthallen beschlagnahmt wurden, um als Flüchtlingsunterkunft dienen zu können, ist es nun aber auch zu einem organisatorischer Kraftakt geworden, Hallenzeiten für den Spielbetrieb zu bekommen. Langfristige Planung ist kaum mehr möglich, da wir von den wenigen Sportämtern, die uns überhaupt Zeiten zur Verfügung stellen, oft nur sehr kurzfristig Zeiten zur Verfügung gestellt bekommen können. Wir beginnen daher eine Saison und wissen eigentlich gar nicht, ob wir genug Zeiten bekommen werden, um sie zuende zu spielen. Für die Teams ist das eigentlich unzumutbar und für mich auch stets eine Nervenprobe.

MF: Siehst du aus heutiger Sicht die niedrigen Zugangshürden als entscheidenden Punkt, um neue Teams in den Sport zu locken?

MW: Als den wichtigsten Punkt empfinde ich, dass wir eine breite Basis haben, wie Sportler mit Futsal in Berührung kommen können. Abgesehen vom Futsalspielbetrieb konnte jahrelang eigentlich nur an den Hochschulen Futsal gespielt werden, wobei das Angebote dort auch knapp und die Kurse schnell ausgebucht waren. Von solchen niedrigschwelligen Angeboten würde man sich sicherlich noch mehr wünschen. Ich begrüße die Entwicklung, dass mittlerweile auch an den Schulen und bei offiziellen Verbandsturnieren nach Futsalregeln gespielt wird. Woran es noch fehlt, ist, dass Futsal noch mehr die Fußballvereine erreicht und zumindest in den Wintermonaten in der Halle Futsal gespielt wird. Da ich auch in absehbarer Zeit nicht sehe, dass es unsere Futsalvereine schaffen werden, eine Jugendabteilung zu eröffnen, wäre es umso wichtiger, dass Futsal zum Ausbildungsbestandteil in den Fußballvereinen wird.

MF: Du hast den ungewöhnlichen Liga-Modus in Berlin angesprochen. Kannst du kurz  genauer erklären in welchem Rhythmus die Ligen ausgetragen werden und wo der Vorteil liegt? 

MW: Wie erwähnt ist die Futsal-Liga aus dem Hochschulsport erwachsen und orientierte sich zeitlich an den Hochschulsemestern. Uns war schon immer wichtig, dass es für ein interessiertes Team möglich sein sollte, ohne lange Wartezeit für den Spielbetrieb zu melden. Daher ist der Einstieg in den Spielbetrieb nicht nur einmal sondern zweimal jährlich möglich: Zur Hinrunde (ab 1.4.) und zur Rückrunde (ab 1.9.) einer Saison. Hin- und Rückrunde werden unabhängig voneinander gewertet und so gibt es auch zweimal jährlich Auf- und Abstieg. Seit diesem Jahr wird es auf Wunsch der Teams auch in der höchsten Berliner Spielklasse (Pelada-Berlin-Liga) wieder so gehandthabt, dass Hin- und Rückrunde unabhängig gewertet werden. Es wird aus meiner Sicht der Tatsache gerecht, dass Futsal auf Vereinseben noch lange nicht gefestigt ist und der Wettbewerb sich daran orientieren muss. Im Zuge der Umstellung sind Abstiegs- und Meisterschaftskampf in der Pelada-Berlin-Liga promt wieder erheblich spannender geworden. Obwohl beide Runde unanhängig voneinander gewertet werden, sprechen wir von einer Hin- und einer Rückrunde, weil wir am Ende den Berliner Meister eines jeden Jahres küren. Am 4. Dezember treffen im Finale um die Meisterschaft der Hinrundensieger Achtzehnvierundneunzig auf den Rückrundensieger FC Arsenal und wir hoffen, dass wir damit zum Jahresabschluss nochmal ein attraktives Futsalspiel erleben dürfen, das weitere Aufmerksamkeit für den Futsal in Berlin schafft. Der Berliner Meister erwirbt das Recht, in die Regionalliga aufzusteigen, jedoch haben wir dieses Jahr die Besonderheit, dass Achtzehnvierundneunzig (sowie der Grünauer BC) nach der Hinrunde bereits in die Regionalliga nachrücken durften, weil zwei Plätze anderer Landesverbände unbesetzt gelieben waren. Sollte Achtzehnvierundneunzig also nicht aus der Regionalliga absteigen, wird der FC Arsenal aufsteigen, selbst wenn sie das Finale verlieren sollten.

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Futsal in Berlin – die Spiele in Landes- und Berlin-Liga finden in der Regel alle an einem Tag in einer Halle in der Zeit von 8 bis 22 Uhr statt.

MF: Wo wir gerade von der NOFV-Regionalliga sprechen, wie stehst du persönlich dazu? 

MW: Der derzeitige Modus der NOFV-Pelada-Futsal-Liga kann nicht mehr als eine Zwischenlösung sein. Positiv ist, dass es mittlerweile mehr Berliner Vertreter in der Regionalliga geben darf und dass eine Abstiegsregelung eingeführt wurde: Die letzten drei Teams jeder Staffel steigen ab. Das hat ermöglicht, dass die Berliner Regionalligavertreter nur noch Regionalliga spielen und nicht länger zusätzlich noch Berlin-Liga, weil sie sich eben nicht jedes Jahr auf’s Neue über die Berlin-Liga für die Regionalliga qualifizieren brauchen, sondern fortan zusehen müssen, nicht aus der Regionalliga abzusteigen. Als negativ bewerte ich dagegen die Staffeleinteilung und Spielplanung, denn durch die Aufteilung in zwei Staffeln a 6 Teams ist der Spielbetrieb minimal und besonders die zwei Doppelspieltag müssen kritisiert werden: Während manche Teams wenigstens ein Spiel Pause haben, müssen andere zwei Spiele a 2×20 Minuten netto hintereinander weg bestreiten. Das bedeutet nicht nur einen erheblichen Wettbewerbsvorteil für die Teams, die ausgeruht antreten dürfen, sondern ist allein schon aufgrund der Verletzungsgefahr unverantwortlich. Ziel sollte es sein, die Staffeleinteilung bald wieder abzuschaffen, um mehr Spieltermine und einen insgesamt sportlich reizvolleren Wettbewerb anzubieten, denn wir müssen einfach mehr Bindung zum Futsal schaffen und auch im landesweiten Vergleich zusehen, dass wir sportlich nicht abgehängt werden, wenn wir die Regionalliga nur auf dieser Schmalspurvariante laufen lassen. Mit Neid schaut man da natürlich auf die anderen Regionalligen. Man muss aber auch realistisch sein, dass es schwierig bleiben wird. In vielen NOFV-Landesverbänden tut sich in der Futsalentwicklung seit Jahren wenig bis nichts. In Berlin haben wir natürlich günstigere Voraussetzungen, aber in Anbetracht der Hallensituation wäre auch hier eine Ausweitung der Regionalliga-Spielbetriebs eine Herausforderung. Eine zufriedenstellende Lösung ist noch nicht in Sicht.

MF: Welche organisatorischen Vorschläge bzw. Wünsche hättest du für die Organisation in Berlin und für die deutsche Meisterschaft?

MW: Ich würde mir als nächsten Schritt eine dreigleisige Bundesliga wünschen und für Berlin selbstverständlich eine dauerhafte Lösung der Hallenfrage (Spiel- und Trainingszeiten) sowie nachhaltigere Vereinsstrukturen. Mich würde es freuen, wenn es ein niedrigschwelliges Angebot für Neueinsteiger gäbe und hoffe, dass sich in den nächsten Jahren gerade auch im Jugend- und Frauenbereich etwas tut. Der Traum aller wäre eine Halle, die uns für den Spielbetrieb dauerhaft zur Verfügung stünde und womöglich auch für Zuschauer etwas zu bieten hätte, um die Spiele als Event bewerben zu können. Noch verirren sich meist nur wenige Zuschauer in die Hallen, was schade ist, da ein Futsalspiel auf gutem Niveau wirklich attraktiv und sehr packend sein kann.

MF: Wie angesprochen sind verbandsübergreifende Wettbewerbe also noch schwierig. Zur Sichtung für die Nationalmannschaft wurde daher das Landesauswahlturnier 2014 geschaffen. Wie denkst du über den Futsal-Länderpokal 

MW: Ich empfand den Länderpokal immer als sehr sinnvoll, um ausgehend von dem Reiz des Kräftemessens eine Entwicklung in den Landesverbänden anzustoßen, in der Hoffnung, dass es Aufmerksamkeit und Interesse für Futsal schafft und zu einer technischen und taktischen Weiterentwicklung auf Seiten der Aktiven führt. In Berlin engagieren sich die Auswahltrainer Jan Scharlowsky und Marc Bennett sehr und durch ihr Auswahltraining sind viele Spieler dazu gekommen, Futsal nicht nur zu spielen sondern erstmalig auch zu trainieren und neue Aspekte dazu zu lernen. Abgesehen davon ist der Futsal-Länderpokal seit jeher auch ein Ort des Austausches, wo die Futsalgemeinschaft die Gelegenheit hat, zusammen zu kommen und sich vom Stand der Entwicklung ein Bild zu machen. In den letzten Jahren war die Sichtung potentieller Nationalspieler wohl das Thema Nummer 1. Da wir die Nationalmannschaft nun endlich haben, bleibt es abzuwarten, welche Bedeutung der Länderpokal noch länger für die Sichtung haben wird. Aufgrund der vielen positiven Aspekte möchte ich den Länderpokal eigentlich nicht missen, nur glaube ich, dass die Schaffung einer ein-, zwei- oder dreigleisigen Bundesliga das nächste dringende Anliegen ist, dem wir uns widmen müssen, und dass der Länderpokal zwangsläufig seinen überragenden Stellenwert verlieren wird und eines Tages eingestellt werden könnte.

MF: Dein Tipp: Wer wird deutscher Futsal-Meister und Vizemeister 2017? 

MW: Nach dem starken Abschneiden der Hamburg Panthers im UEFA-Futsal-Cup sind sie selbstverständlich wieder der große Favorit. Ich schätze aber auch Jahn Regensburg hoch ein und würde sagen, dass man die Regensburger wohl nicht mehr nur als Geheimtipp sondern getrost als Mitfavorit auf dem Zettel haben darf. Ein Finale der beiden Teams wäre daher naheliegend, es sei denn, sie treffen im K.O.-Modus schon vorher aufeinander. Mein Tipp ist, dass kein anderes Team im Stande sein wird, die beiden aufzuhalten, dass sich im direkten Duell aber derzeit noch die Panthers aufgrund ihrer mannschaftlichen Erfahrung und Geschlossenheit durchsetzen würden.

MF: Marlon, wirklich vielen Dank für deine sehr ausführlichen Antworten. Wir wünschen Dir, deinem Verein und dem Berliner Futsal ein spannendes Futsaljahr 2017 und hoffen, dass einige deiner Anregungen und Ideen in Berlin und in anderen Verbänden gehört und umgesetzt werden.

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ein Kommentar

  1. Die NOFV-Regionalliga hinkt im nichtsportlichen Bereich hinterher. Das Gefälle zwischen ambitionierten und Hobbymannschaften ist zu groß. Außerhalb Berlins gibt es kaum Spielbetrieb unterhalb der Regionalliga. In der Staffel Süd stellt 1 Verein gleich 3 von 6 Mannschaften. Oftmals weniger Zuschauer als Spieler in der Halle. Der Spielplan wurde nur 5 Tage vor Saisonstart in fussball.de veröffentlicht.
    Dass in dieser Saison bisher erst ein Spiel ausgefallen ist, ist andererseits positiv zu bewerten. Und sportlich müssen sich die Spitzenteams sowieso vor niemandem verstecken.
    Eine gemeinsame Liga mit den NFV-Teams wäre zu begrüßen, sofern die Vereine sich das leisten können.

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