Quergedacht: Warum sichere Aufsteiger hinderlich für die Futsalentwicklung sein können

Für Teamsportarten gilt in Europa seit Jahrzehnten eines: es gibt immer mindestens einen Aufsteiger und einen Absteiger. Dies hat zwei Gründe. Zum einen sollen die Clubs maximale Anreize für gute Leistung haben: schwache Teams der oberen Liga sollen den „Abstieg“ fürchten und starke Mannschaften der unteren Liga den Aufstieg ersehen. Angst und Hoffnung liegen somit nah beieinander. Dem Aufsteiger winken in der Regel Mehreinnahmen und Mehraufmerksamkeit durch die Medien und die Community –  dem Absteiger das Gegenteil. Zum anderen soll der Wettbewerb facettenreich gehalten werden, weshalb das „Durchmischen“ mit neuen Mannschaften die Attraktivität der Liga steigert.

Die Argumentation in gefestigten Sportarten ist immer, dass der Aufsteiger die Möglichkeit auf den nachfolgenden Aufstieg hat. Jedoch unterschätzt diese Denkweise ein unter Ökonomen bekanntes Phänomen: die Verlustaversion (Kahneman & Tversky, 1979). Danach gewichten Menschen in der Regel Verluste stärker als Gewinne in der selben Höhe. Demnach wirkt ein Abstieg deutlich schwerer negativ als ein Aufstieg positiv wirkt. Ob im Profisport oder Amateursport, Abstiege führen daher oft zum Zerfall von Teams, Aufstiege zu weniger starken Veränderungen. Spieler sehen den Verlust in der schwächeren Liga und möchten dieses Verlust sofort abfedern. Daher wechseln nach Abstiegen die besten Spieler oftmals zu Teams der Liga, aus welchen der Club abgestiegen ist. In Folge trifft das Team also zwei harte Folgen: finanzielle/mediale Einbußen und den Verlust von Spielerstärke. Dies antizipieren mitunter sogar mittelklassige Spieler nach dem Abstieg und wechseln tendenziell zu anderen Clubs in der niedrigeren Liga. Am Ende gerät das Absteigerteam wieder in den Abstiegskampf – ein Todeskreislauf entsteht.

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So sehen Sieger aus: Aufstieg der Regensburger Kicker

Obwohl der Aufsteiger tendenziell der „glücklichere“ von beiden ist, führt ein Aufstieg jedoch zu einem Paradoxon. Teams versuchen mehrere Jahre den Aufstieg. Gelingt dieser, müssen spielerische und besonders organisatorische Anforderrungen an die höhere Liga jedoch erstmal bewältigt werden. Als Neuling gerät man somit schnell unter die „Räder“ und die Gefahr des sofortige Wiederabstiegs ist hoch. Besonders hoch ist die Wahrscheinlichkeit für einen schwachen Aufsteiger (z.B. als dritter Aufsteiger oder weil die Liga an sich schwächer ist). Sogar im Profifußball konnten wir in den letzten Jahren zahlreiche Fälle von Clubs finden, welche nach einer anfänglichen Freude über den Aufstieg, den direkten Abstieg folgen ließen und dann in die Abstiegsspirale gerieten (z.B. Alemannia Aachen, SSV Ulm, Arminia Bielefeld, SC Paderborn). Nach 3-4 Jahren findet sich die Mannschaft in einer schlechteren Lage als vor dem Aufstieg, wodurch der Aufstieg langfristig gesehen negativ zu bewerten war.

In etablierten Sportarten mit zahlreichen Unterligen sind derartige Verluste zwar hart für das gesamte System, jedoch gibt es mehrere Ligaebenen und hart gesottene Fans bleiben dem Club erhalten: trotz Erfolgslosigkeit geht es weiter und selbst bei Insolvenz gibt es viele Clubs die von unten nach oben die Plätze besetzen. In einer Wachstumssportart wie Futsal sieht das jedoch anders aus. Wenn überhaupt, gibt es 2 oder 3 Ligaebenen.  Zudem gründen sich viele Teams für das eine Ziel: Aufstieg in die höchste Liga. Mit voller Motivation wird daher bei neuen Vereinen der Aufstieg forciert. Jedoch sind die Qualitätsunterschiede zwischen Regionalligen und Verbandsligen enorm. In der Vergangenheit konnten daher in Deutschland viele Teams aufsteigen, mussten jedoch direkt wieder absteigen. Eine Ursache ist auch oft der „erzwungene“ Aufstieg mit temporären Spielern aus dem Fußball, welche jedoch in der nächsten Saison gar nicht Futsal spielen möchten oder können. Für die Außenwirkung einer Regionalliga sind daraus folgende Ergebnisse mit 20 Toren Unterschied oder mehr ein Desaster.  Was dann in Wachstumssportarten und im Futsal passierte ist der „Fall ins nichts“. Viele Spieler verlieren nach dem Abstieg die Lust am Sport – Fußball wird ja oft nebenbei noch gespielt und dient als Exitoption bzw. „Notanker“. So hört der erste auf, dann der zweite und am Ende eines Abstieges ist die Hälfte des Teams weg. Somit ist die sportliche Leistung in der Folgesaison unter den Erwartungen und im Gegensatz zu etablierten Ligen lösen sich Vereine auf: keine Spieler, fehlende Motivation für einen Neuanfang bei den Clubverantwortlichen und keine Fans und historische Infrastrukturen welche den Club am Leben halten möchte.

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PSV Wesel Futsal: Erst Aufstieg in die Regionalliga West, dann weit abgeschlagener Absteiger und aktuell im Überlebenskampf in der Niederrheinliga

Gerade in Wachstumssportarten ist jedoch jeder gegründete Verein ein wichtiger Zugewinn. Es gibt intakte Netzwerke und ein Wissensfunds ist aufgebaut. Eine Teamauflösung kann nur schwer kompensiert werden und neue Teams fangen wieder nahe bei Null an und müssen sich Futsalerfahrung neu erarbeiten. Daher sollten in den Anfangsjahren einer Wachstumssportart die Anzahl der Clubs maximiert und Vereinsauflösungen verhindert werden. In den vergangene Jahren konnten wir zahleiche Teams mit dem „Fall ins nichts“ in den deutschen Futsal-Ligen beobachten. Hingegen bleiben Teams welche den Aufstieg nicht schaffen, tendenziell eher am Ball, da das Ziel des Aufstiegs als große Motivation weiterhin vor Augen liegt. Besonders tragisch wird es, wenn schwache Aufsteiger starke Absteiger ersetzen, welche in Folge zerfallen. Genau an dieser Stelle könnte vom  Fußball umgedacht werden und die Regelung von festen Aufsteigern überdacht werden: Aufstieg nur nach einer erfolgreichen Relegation (Hin- und Rückspiel) gegen den letzten der oberen Liga. Im Sinne der Verlustaversion wäre der entgangene Gewinn (Aufstieg) geringwertiger als der Verlust des Absteigers. Nur bei deutlichem Qualitätsunterschied sollte der Aufsteig also vorgezogen werden. Diese Regelung bietet den Vorteil, dass die Planbarkeit von den Teams in der oberen Liga höhere ist, da das Risiko des Abstiegs geringer ist. Im Fall eines Sieges des oberen über das untere Team in der Regionalliga ist folgendes im Mittelwert zu erwarten: beide Teams bleiben bestehen, bauen ihr Wissen aus und verbessern sich, da der Anreiz des Aufstieges/Klassenerhaltes weiter da ist. Spieler bleiben in Ihren Verein und versuchen im nächsten Jahr den Aufstieg/Klassenerhalt (es ist auch anzunehmen, dass mit steigender Zeit in der oberen Liga das Team gefestigt ist und dann auch einen Abstieg verkraftet).  Im Falle eines direkten Abstieges jedoch, wechseln die besseren Spieler des Absteigers zu anderen Teams und der abgesteigene Club löst sich mit hoher Wahrscheinlichkeit auf. Der Aufsteiger selber ist tendenziell oftmals zu schwach und steigt im folgendem Jahr ab und löst sich dann ein Jahr später auf. Der vermeintliche Erfolg des Aufstiegs wird somit zum eigenen „Grab“. Diese Spirale des „Fall ins nichts“ ist für eine Wachstumssportart hinderlich und hat in Futsaldeutschland schon zahlreiche Vereinssterben verursacht. Besonders tragisch: nur ein Bruchteil der Spieler der Absteiger bleiben beim Futsal. Ein doppelter Verlust also für die Verbände, welche einen Club und zusätzlich Spieler verlieren (zweites trifft nicht den Fußball, da Spieler einfach zum nächsten Verein wechseln). Der Spielerverlust wird auch dadurch begünstigt, dass das Netz von Futsalclubs noch sehr große Lücken aufweist. Nach Auflösung des lokalen Clubs liegt der nächste Club vielleicht 20km oder mehr entfernt, welchen Weg die wenigstens auf sich nehmen (auch ein elementarer Unterschied zum Fußball).

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Alemannia Aachen: Aufsteiger 2016 in die Regionalliga West, aktuell abgeschlagen Letzter

Zusammengefasst, die Futsalligaorganisation sollte sich von einer etablierten Sportart wie Fußball lösen und neue, radikale Lösungen für Wachstumssportarten erproben bzw. offen für ein Umdenken sein. Ein Nichtaufstieg wird seltener zur Vereinsauflösung führen als ein Abstieg. Es ist zu raten, dass die Ligaverantwortlichen und auch die Mannschaftsverantwortlichen die besonderen Voraussetzungen einer Wachstumssport wie Futsal erkennen und sich von alteingesessen Mustern lösen: zwingende Relegation statt sicherer Aufsteiger. Jeder Vereinsverlust ist schmerzhaft. Vielleicht wären wir in Futsaldeutschland schon deutlich weiter, wenn die Quote von Vereinsauflösungen nach Abstieg schon frühzeitiger gesenkt worden wäre.

Daniel Kahneman, Amos Tversky (1979): Prospect Theory: An Analysis of Decision under Risk. Econometrica 47: 263-292.

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ein Kommentar

  1. […] wieder mit dem Problem von Mannschaftsabmeldungen zu kämpfen. Wie vor einigen Wochen berichtet (https://misterfutsal.de/2016/10/13/quergedacht-warum-sichere-aufsteiger-hinderlich-fuer-die-futsalen&#8230😉 melden sich Teams vor allem bei sportlichem Misserfolg ab. Dies hemmt das Wachstum der Ligen, da […]

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