Braucht der deutsche Futsal mehr Vielfalt in der Spitze?

Der deutsche Futsal wächst. Langsam. Aber er wächst. Es gibt neue Clubs und Teams und die existierenden Ligen laufen stabiler mit weniger Drop-Outs an Teams. Von der Basis soll über die Spitzenförderung das gemeinsame Ziel realisiert werden: den Futsal in der Breite stärken damit er in der Spitze besser werden kann (Bottom-Up-Strategie). Für eine Top-Down (Spitzenförderung führt zu größerer Basis) ist das investierte Kapital bisher viel zu gering und in Mannschaftssportarten generell sowieso nur in geringem Maße möglich. Die Spitze im deutschen Futsal-System sind bisher die Nationalmannschaft, die Studenten-Nationalmannschaft und die Landesauswahlmannschaften. Um aus der Breite heraus die Spitze zu fördern, sind zwei Ansätze möglich. Zum einen der homogene Ansatz. Einige wenige Experten besetzen die Spitzenpositionen und schaffen sich so untereinander Sicherheit. Die andere Möglichkeit zielt auf Heterogenität ab und setzt auf jeder Ebene und jeder Position andere Kandidaten ein.

Das Homogene System

Der DFB scheint aktuell eher auf die erstere Strategie zu setzen. Die Positionen von Nationaltrainern/Trainerteam überschneiden sich aktuell sehr stark mit den Verantwortlichen der Studentennationalmannschaft, den Trainerteams von einigen Landesauswahlmannschaften und sogar mit den führenden Teams in den Landesverbänden. Diese Strategie bietet aus Sicht des Gesamtsystems mehrere Vorteile. Zum einen ist anzunehmen, dass wir in Deutschland bisher nur wenige Experten im Bereich Futsal besitzen. Um die Qualität auf den einzelnen Positionen von unten nach oben zu steigern, werden also die Besten eingesetzt. Zudem sind die Abstimmungs- und Koordinationskosten zwischen den Verantwortlichen gering und es kann sehr effizient gearbeitet werden. Ferner ermöglichen multiple Engagements, dass Spieler mehrfach von gleicher Ausbildungsqualität profitieren und so gezielter auf das vorgegebene Konzept auf oberster Ebene (Nationalmannschaft) eingestimmt sind. Diese Umstände können durchaus die Entwicklung der gewünschten Spieler fördern.

Jedoch birgt dieses System weitläufige Gefahren, besonders wenn das gesetzte Gesamtziel – die Verbesserung der Futsal Breite und damit langfristig der Spitze – nicht den individuellen Zielen entspricht. Menschen neigen generell zu myopischen (kurzfristigen Sichtweise). Dieses „Politkerdenken“ bedeutet, dass anstatt der Förderung des langfristigen Allgemeinziels eher kurzfristige individuelle Ziele verfolgt werden. Dieses Verhalten ist charakterisierend für alle Menschen und ist in solchen Systemen schwer zu unterbinden. Je größer die Macht und je geringer die gegenseitigen Kontrollen desto größer der Anreiz für opportunistisches Verhalten. Gerade dies ist möglich, wenn wenige Personen mehrere Positionen im System ausfüllen. So werden einmal in der Spitze präferierte Spieler eventuell durch subjektive Auswahlverfahren geschützt und objektiv bessere Spieler eventuell nicht berücksichtigt. Welcher Vereinstrainer hat nicht gerne 3 Nationalspieler in seinem Team als 1.  Des Weiteren neigen System mit wenig Kontrolle und geringer „Machtstreuung“ zur Reduktion der einzelnen Anstrengung. Je geringer die Kontrolle desto geringer der Anreiz qualitativ hochwertiges Training und Auswahlprozesse anzubieten. Zum einen haben die Spieler ja nur geringe Vergleiche zu anderen Trainern und außerdem gibt es keine Konkurrenz. Ohne derartige „Turniere“ von Beförderungen von unten nach oben, haben die oberen weniger Anreize gut und objektiv zu sein. Eine weitere Problematik ist die fehlende Vielfalt von Kreativität und Meinungen. Da Trainer der Spitze auch Prozesse in der Breite beeinflussen, gibt es keine Varianz in den Auswahlprozessen. Trainer A bevorzugt vielleicht immer schnelle körperlich kräftige Spieler. Ein anderer Trainer würde jedoch in ein Landesauswahlteam eher kleine wendige Spieler nominieren, wodurch Trainer A auf Nationalebene eine größere Vielfalt in der Auswahl hat. Auch führen verschiedene Trainer zu verschiedenen Ansätzen und erweitern das Verständniss der Spieler, welche Meinungen und Ansichten in die Spitze mitnehmen. Sicherlicht gibt es dadurch Reibungen mit den Trainern auf höherer Ebene („In der Landesauswahl haben wir das anders gelernt“), aber derartige Situationen führen eben zu konstruktivem Austausch, welcher wichtig ist, möchte man in einigen Jahren die Qualifikation für die EM schaffen.

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Das Heterogene System

Entgegen dem homogenen System mit wenigen Experten auf mehreren Positionen setzt das heterogene System auf keine Doppelbesetzungen. Jeder Trainer hat, wie bereits in etablierten Mannschaftssportarten vorhanden, nur eine Position auf der Trainer und Organisationsebene inne. Hierdurch wird die Vielfalt im System hochgehalten, und opportunistisches Verhalten ist nur von einer auf die andere Ebene möglich (der Nationaltrainer kann nur Spieler aus der Landesauswahl wählen – den eigenen Spieler vom Verein über die Landesauswahlmannschaft in die Nationalmannschaft zu nominieren ist nicht möglich). Diese Situation schafft Transparenz und Diskussion. Die Trainer der oberen Ebene müssen sich eher vor Trainerkollegen rechtfertigen und der Anreiz zu qualitativ hochwertigem Training und effizienten Auswahlprozessen steigt. Prof. Kruse stellt sehr anschaulich im nachstehenden Video (ab 1:10) da, warum heterogene Systeme homogenen Systemen überlegen sind – da brauchen wir hier nicht viel hinzuzufügen

So einfach wie es sich anhört, je schwieriger ist es jedoch für eine Wachstumssportart derartige Strukturen zu schaffen. Zum einen sind die Koordinationskosten von mehreren Systemen hoch und es ist Infrastrukturnotwendig, um die Fähigkeiten zu bündeln und die Vielfältigkeit nutzbar zu machen. Ein Argument was gerne gegen Vielfalt im deutschen Futsal System angebracht wird, ist „Es gibt ja keine qualifizierten Trainer für jede Ebene“. Natürlich ist das vom aktuellem Standpunkt aus korrekt. Jedoch könnte dies ein Problem umgekehrter Kausalität sein. Haben wir wenige Trainer auf höherer Ebene weil es keine besseren gibt, oder gibt es keine Trainer weil keine Trainer auf höheren Ebenen gefördert werden. Sicherlich würde zu Beginn die Qualität in der Ausbildung auf unteren Ebenen abnehmen. Es ist jedoch anzunehmen, dass sich die neuen Trainer weiterbilden und Ergeiz in ihrem Job entwickeln. Nach 1- 2 Jahren sollten sich auf allen Ebenen qualitativ fähige Trainer gefunden haben.  Dies würde wiederum die Basis und die Verständigung in den Vereinen fördern und Anreize geben, auch in den Vereinen als Trainer besser zu arbeiten, da später vielleicht auch der Posten des Landesauswahltrainers wieder frei wird. Je geringer die Qualitätsdistanz zwischen den Ebenen, desto eher der Anreiz sich selbst zu verbessern – je mehr Zuckerguss auf dem Kuchen, desto größer der Appetit.

Zusammenfassung

Für eine Wachstumssportart ist die Verteilung von qualitativen Kräften schwierig, da die Qualitätsdistanz der Besten zu den Durchschnittlichen sehr goß ist. Daher ist es verständlich zu Beginn, die besten Experten auf die wichtigsten Stellen zu verteilen und Positionen mehrfach zu besetzen. Es muss jedoch zum richtigen Zeitpunkt der Moment des Umdenkens stattfinden, um die Breite und die Trainerausbilung zu fördern. Dann ist es wichtig, keine multiplen Engagements mehr zu forcieren, sondern langfristig alle Positionen in Einzelfunktion zu besetzen. Der deutsche Futsal ist gerade an diesem kritischem Moment angekommen. Obwohl einige neue Vereine hinzugekommen sind, so ist die Machtverteilung in der Spitze seit 1-2 Jahren konstant und stark machtzentriert auf wenige Funktionäre. Um den Futsal in der Breite zu fördern und die Vielfalt und Diskussions- und Austauschmöglichkeiten im System zu erhöhen, sollte überlegt werden,  die oberen Stellen (Nationaltrainerteam, Trainerteam Studentennationalmannschaft, Trainerteams Landesauswahlteams) relativ zeitnah zu  entkoppeln und nicht mehr doppelt zu besetzen. Da wir noch im Wachstums sind, können Trainer der oberen Ebene durchaus noch Engagements in der Breite (Vereinen) ausführen. Aber auch dies sollte in 3-5 Jahren vermieden werden, soll der deutsche Futsal in sportlicher und organisatorischer (nicht finanziell) Sicht professionalisiert bzw. verbessert werden.

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2 Kommentare

  1. Futsaler von Herzen · · Antwort

    Wieder mal ein sehr schöner Artikel von MisterFutsal. Eine der wenigen Seiten in Deutschland, die informativ und detailliert über die Futsal-Entwicklung informieren. Solch eine Leidenschaft würde man sich bei manch Offiziellem wünschen.
    Daher trifft dieser Artikel auch eines der großen Grundprobleme. Bestehende Kompetenzen werden nicht geteilt, da man sich seine eigenen Wettbewerbsvorteile erhalten will. Aber so kann der Futsal auch in der Breite in Deutschland nicht wachsen. Warum teilt man nicht stärker sein Wissen oder etwaige Video-Aufnahmen, die beim Länderpokal oder anderen Veranstaltungen gemacht wurden? So könnten alle profitieren. Beispiele aus anderen Wachstumssportarten gibt es en masse, aber vielleicht widerspricht das dem Erfolgsdenken…
    Auch würde es Sinn machen, Trainer einzubinden, die schon mehr Futsal-Erfahrung haben – notfalls aus dem Ausland. Aber alleine schon eine ideele Vielfalt fördert den Austausch und den Meinungsbildungsprozess. Darüber hinaus würden Spieler in den Fokus rücken, die aufgrund der Mono-Strukturen wenig Beachtung erhalten. Auch unterbindet man hierdurch den Kontaktfehler, der aus der Psychologie bekannt ist, indem man die Qualitäten von vermeintlich sympathischen/bekannten Spielern deutlich höher einstuft als von unbekannten/unsympathischen Spielern. Hinzu kommt, dass diese Einschätzung alleine aus Spielen heraus resultieren kann, da Trainer in der Spitze ja auch noch als Spieler agieren und somit eine intersubjektive Meinungsbildung erheblich erschwert wird. Daher bleibt zu hoffen, dass die Vielfalt steigen wird und im Rahmen des Länderpokals endlich mal ein geeigneter Rahmen für den konstruktiven Gedankenaustausch unter den Landesverbänden/Trainern etc.geschaffen wird. Hier trifft fast alles, was im deutschen Futsal einen Namen hat aufeinander. Warum dieses Event auch nicht in dieser Hinsicht effektiver nutzen?

  2. […] die Gefahr der Befangenheit, da beide in zahlreichen multiplen Positionen engagiert sind, was in problematischen Entscheidungen resultieren kann. An der Futsalbasis wären einige Personalien „vorrätig“ gewesen, welche nicht im […]

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