Gefahr! Der Konter in Unterzahl

Gefährlich, schnell und unangenehm. So lassen sich die meisten Konter beim Futsal beschreiben. Kaum eine andere Aktion führt häufiger zu einem Gegentor. Ein verlorener Zweikampf oder ein haarsträubender Fehlpass, schnell findet sich die Mannschaft in einer gefährlichen Unterzahlsituation wieder. Die wenigen Meter zum Tor überbrückt der Gegner in kurzer Zeit.

Kontersituationen sind unvermeidbar. Wie so häufig bevorzugen die Eigenschaften des Futsals, enger Raum, schnelles Spiel und hohe Dynamik, das Vorkommen solcher entscheidenden Situationen. Aus der Sicht eines Unparteilichen sind Konter ein wichtiges Spielelement, denn sie garantieren Hochgeschwindigkeit und Tore. Für die Verteidiger sind Konter ein Graus. Doch wie kann diese Gefahr aus taktischer Sicht möglichst gering gehalten werden?

Der Konter: unbändige Gefahr auf Abruf

5gg4

Beim Flying Goalkeeper nutzt ein Team die Möglichkeit in Überzahl zu spielen. In Zahlen sind es 25% mehr Spieler auf dem Feld als der Gegner. Dieser Vorteil ist enorm. Dem Gegner bleibt fasst nichts übrig, als sich zurückzuziehen

Bevor wir uns den taktischen Inhalten der Konterabwehr widmen, sollte eine Kleinigkeit gesagt sein: Ein Konter in Unterzahl ist eine Situation, die eventuell nicht erfolgreich verteidigt werden kann. Der Gegner wird versuchen, Profit aus seiner Überzahl zu schlagen, denn Konter sind selten, aber extrem effektiv in Bezug auf die Torausbeute. Egal wie gut die eigenen Spieler und Torhüter reagieren, in Unterzahl kann keine Garantie zur erfolgreichen Abwehr gegeben werden. Der Vorteil der Angreifer ist einfach zu groß und exzellent am Beispiel des Flying Goalkeepers zu erkennen. Beim 5gg4 ist es für die verteidigende Mannschaft schier unmöglich ohne erhöhtes Risiko an den Ball zu kommen. Dieser Effekt ist auf jede Defensivsituation umgekehrt übertragbar. In diesem Fall kommt noch erschwerend hinzu, dass der Angreifer beim Konter weniger Hindernisse auf dem Weg vor sich hat als beim 5gg4. Das Team betreibt bei der Konterabwehr demnach in erster Linie Schadensbegrenzung.

Wie nun den Konter unterbinden? Der Gegner hat mehr Spieler zum Angreifen als das eigene Team zum Verteidigen. Diesen Nachteil auszugleichen sollte das wesentliche Ziel der Defensive sein. Diese Zielsetzung kann desweiteren in drei Nebenziele unterteilt werden. Erstes Ziel ist die Verzögerung des Konters, um den Mitspielern die Chance eines Rückzuges zu geben. Unsere Defensive sollte demnach „auf Zeit“ spielen. Außerdem wichtig: Der Spieler am Ball darf keine klare Torchance erhalten. Das verschafft uns wiederum Zeit für den Rückzug. Als letzte Zielsetzung sollte der Gegner keine Gelegenheit erhalten, seine Überzahl durch einen Pass zum Mitspieler auszuspielen.

  1. Mitspieler Zeit zum Rückzug verschaffen
  2. Gegner in ungefährliche Zonen zwingen
  3. gegnerische Mitspieler isolieren

Defensiv Ziel 1: Mitspielern Zeit verschaffen

Foto 1(3)

Der Fehlpass im Aufbauspiel ist keine Seltenheit. Die anschließende Kontersituation im 1gg2 brandgefährlich. Der Verteidiger muss nun kühlen Kopf bewahren und aktiv gegen den Ball arbeiten

Zeit ist bei der Konterabwehr entscheidend. Je schneller die Defensive die Unterzahlsituation ausgleichen kann, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit für eine erfolgreiche Konterabwehr. Im Futsal ist dies nur zu schaffen, wenn die Verteidiger in Unterzahl aktiv in das Spielgeschehen eingreifen. Die Defensivspieler sollten dafür aktiv gegen den Ball arbeiten. Im ersten Moment scheint dies gerade für gelernte Feldfußballer eine unnatürliche Bewegung zu sein. Das kurze Feld bietet beim Futsal keine weitere Alternative. Bewegt sich der Verteidiger mit den Angreifern im Gleichschritt zurück, um der Gefahr des Ausgespieltwerdens zu entgehen, wird der Gegner die nötigen Meter zum Torabschluss schnell überwunden haben. Ein Rückzug der Teamkameraden ist dann unmöglich.

Zeit kann nur gewonnen werden, wenn der Gegner seine Angriffsbemühungen abbremst, sei es durch eine Richtungsänderung oder Abnahme des Dribblingtempos. Im internationalen Futsal gilt als Bezugspunkt zum spätesten Eingriff in den Konter ein Torabstand von 12 Metern.

Keypoints: Aktiver Verteidiger, Angriff verzögern, Zeit für den Rückzug schaffen, 12 Meter-Grenze

Defensiv-Ziel 2: Gegner aus Gefahrenzonen heraushalten

Sollten die Mitspieler noch nicht die Unterzahlsituation ausgeglichen haben, ist es wichtig, die Angreifer in eine ungünstige Position zuleiten. Für die Defensive können wir von „sicheren Zonen“ sprechen, in denen ein Angreifer weniger Schaden anrichten kann, nämlich die jeweiligen Außenbahnen. Dort wird dem Offensivspieler einerseits die Spielbegrenzung ein Hindernis sowie der Winkel für einen Torabschluß ungünstig.

Foto 3(3)

Außen tut der Angreifer nicht weh. In der Mitte vor dem Tor wird der Konter gefährlich.

Auf welche Seite sollte der Gegner geleitet werden, wenn der Konter mittig beginnt? Für die Angreifer ist jeweils die gegenüberliegende Seite ihres starken Fußes schwieriger zu bespielen. Ein Linksfuß sollte aus seiner Sicht nach rechts abgedrängt werden. Auf der rechten Seite hat er weder die Möglichkeit, einen Angriff mit seinem starken Fuß abzuschließen, noch die Chance, mit seinem starken Fuß den Ball vor dem Verteidiger abzudecken. Entweder nützt der Offensivspieler seinen schwächeren Fuß oder „zeigt“ dem Verteidiger den Ball beim Dribbling. Individualtaktisch starke Spieler sollten zu Beginn des Konters den Vorteil der Seitenauswahl nutzen. Allerdings ist dies gewiss keine leichte Übung.

Keypoints: Angreifer abdrängen, sichere Zonen nutzen, auf starken Fuß achten (individualtaktisch)

Defensiv-Ziel 3: Kein Zusammenspiel zulassen

Die Defensive hat Zeit gewonnen und der Angreifer ist auf die Außenbahn abgedrängt. Alles scheint in Ordnung, doch die Mitspieler haben noch nicht die Unterzahl ausgeglichen. Was nun nicht passieren darf, ist ein Abspiel des Angreifers auf den Überzahlangreifer. Sollte ein Anspiel gelingen, könnten alle Bemühungen umsonst gewesen sein, wenn der Verteidiger keine Zeit mehr hat, den anderen Angreifer auf dem Weg zum Tor zu erreichen. Aus diesem Grund sollte der Gegner nicht nur auf die Seite abgedrängt werden, gleichzeitig sollte ein Pass keine sinnvolle Option für ihn darstellen. Diese Aufgaben, das Abdrängen und Abdecken der Passlinie, erfordert eine hohe Übersicht des Verteidigers und eine aktive Kommunikation mit dem Torwart. Denn der Torwart kann die Spielsituation von hinten Überblicken um den Verteidiger beim Blockieren der Passlinie mit Kommandos unterstützen.

Nur wird es vielleicht trotzdem zu einem Pass kommen. Sollte das passieren, wird es aus taktischer Sicht sehr interessant. Denn nun ergibt sich eine Situation, in der zwei mögliche Ausgänge mit einer Art „point of no return“ eintreten können.

1. Fall: Der Angreifer spielt weit weg vom Tor (mehr als 10 Meter) seinen Mitspieler an

Sollte ein Abspiel früh erfolgen und der Abstand zum Tor noch so groß sein, dass keine unmittelbare Gefahr entsteht, kann es für den Verteidiger sinnvoll sein, den Ball zu verfolgen und seinen Gegenspieler zu wechseln. Die Defensive arbeitet weiter gegen den Ball. Die Entscheidung muss vom Verteidiger mit Unterstützung des Torhüters binnen Sekunden getroffen werden. Die Verteidigungsbemühungen beginnen von Neuem.

2. Fall: Der Angreifer spielt einen Pass kurz vor dem Tor und bringt seinen Mitspieler in eine Torschußposition

Foto 4(2)

Kleinigkeiten entscheiden. Nimmt der Torhüter das 1gg1 an, darf der Verteidiger seinen Gegner keinen Freiraum lassen. Was ansonsten passiert, ist schnell zu erkennen: ein fast sicher Tor

Führt das Abspiel zu einer direkten Schußsituation für den Angreifer, muss der Torhüter in eine 1gg1 Situation gehen. Wichtig ist hierbei: Der Verteidiger bleibt bei seinem Gegenspieler, um keinen Querpass inklusive Schuß auf ein leeres Tor zu ermöglichen („point of no return“ für den Spielerwechsel des Verteidigers ist erreicht). Der Torhüter gleicht durch sein Eingreifen die Unterzahl kurzfristig aus. Alle Angreifer werden individuell verteidigt.

Es mag sich sehr riskant anhören, den Torwart in eine 1gg1 Situation zu schicken, doch die Statistik im Futsal zeigt eindeutig, dass die Angreifer gegen den Torhüter mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit kein Tor erzielen. Der Verteidiger bleibt bei seinem Angreifer, um diesen als alternative Anspielstation aus dem Spiel zu nehmen. Die Situation soll nur auf das 1gg1 mit dem Torhüter auslaufen. Nur wenn der Verteidiger nicht individuell verteidigt, bietet sich dem Angreifer die Möglichkeit, seine Überzahl auszuspielen und den Torhüter zu umspielen. Deshalb muss der Verteidiger bei seinem Angreifer bleiben, wenn der Torhüter kommuniziert, dass er das 1gg1 übernimmt. Dieser Mechanismus ist einer der futsaltaktisch wichtigsten Grundelemente. Alle vorher erwähnten Bemühungen sind wirkungslos, wenn die Spieler in der Abwehr die Angst packt und ihre Gegner alleine lassen, um den Torhüter fälschlicherweise zu unterstützen.

Keypoints: „Point of no return“ erkennen, Kommunikation, beim Mann bleiben, 1gg1 mit dem Torwart gleicht die Unterzahl aus

Wir haben euch die wichtigsten Inhalte in einem kurzen Video zusammengefasst. Als Videomaterial dient diesmal die Halbfinalpaarung zwischen Inter Movistar und dem FC Barcelona um den spanische Ligatitel 2014. Anmerkung: Alle aufgeführten Kontersituationen spielen sich nur in den zehn Minuten der ersten  ersten Halbzeit ab.

Konterabwehr, ein Thema bei euch im Training? Geht ihr vielleicht anders an die Thematik heran? Wie sind eure Erfahrungen? Lasst es uns in den Kommentaren wissen.

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