Defensivarbeit – Der Einstieg in die Futsaldefensive

„Die Offensive gewinnt Spiele, die Defensive gewinnt Meisterschaften.“ Diese alte Trainerweisheit wird oft dann verwendet, wenn ein defensiv eingestelltes Team eine Trophäe einfährt. Oft werden diese Teams mit zerstörender, nicht besonders zuschauerfreundlicher Abwehrarbeit in Verbindung gebracht, egal ob es sich um Fußball, um Futsal oder um eine andere Sportart handelt. Den Begriff Verteidigung oder Defensive generell auf tiefstehende Mannschaften zu reduzieren, wird nicht der taktischen Vielfalt gerecht, die das Thema Defensive in Wahrheit abdeckt. Gerade im Futsal, wo es oft in einem hohem Tempo Hin und Her geht, ist die Verteidigung mit all ihren Mechanismen, ein taktisch extrem anspruchvolles und auf jeden Meter des Feldes einsetzbares Mittel.

Wenn wir uns die Defensive im Futsal im Vergleich zum Fußball anschauen, fallen zwei Unterschiede auf. Erstens ist das Feld und die Spieleranzahl beim Futsal stark reduziert, so dass ein direkter Ballverlust an den Gegner eine Chance für jenen ermöglicht. Denn grundsätzlich folgt dem Ballverlust eine Unterzahlsituation, die gemeinhin zu brandgefährlichen Angriffen der Gegner führt. Im Futsal gilt die Regel: Die Gefahr eines Gegentores durch Konter ist drei Mal höher als durch einen aufgebauten Angriff. Der zweite große Unterschied ist die Aufgabenverteilung. Anders als im Fußball gibt es keine Spezialisten, die vorwiegend die Aufgabe des Verteidigens eben als Verteidiger übernehmen. Alle Spieler sind gewissermaßen verpflichtet, jederzeit defensive Aufgaben zu übernehmen. Der Angreifer wird direkt zum Verteidiger und umgekehrt. Die Spieler müssen mental und taktisch auf ein ständiges Hin und Her vorbereitet sein, bei dem Pausen zum Lamentieren vergebener Torchancen oder fragwürdiger Schiedsrichter-entscheidungen nicht übrig bleiben.

Was sagt uns das alles? Die Verteidigung ist im Futsal eine Wissenschaft für sich. Mit Fußballgrundlagen kommen wir nicht weiter. Wir wollen uns deshalb in einer kleinen Serien einigen der wichtigen Knackpunkte der Defensive annähren. Der heutige Artikel macht den Anfang mit dem Themenschwerpunkt „Grundlagen“:

  • Der Einstieg in die Futsaldefensive
  • Die Jobs der Spieler
  • Die Regeln der Abwehr
  • Rennen ist Silber, Kommunikation ist…
  • Je höher, desto besser!

Der Einstieg in die Futsaldefensive – Grundlagen

Verteidigung Futsal

Die Verteidigung im Futsal in seinen Einzelteilen

Bevor man sich tiefere Gedanken über jegliche Art von Taktik im Futsal macht, sollten die Grundlagen und Rahmenbedingungen eindeutig definiert sein. Wir teilen das Thema „Grundlagen“ in der Verteidigung wie international üblich in fünf Themenbereiche auf: Ziele der Verteidigung, Feldauf- und -einteilung, Defensivphasen, Defensivarten und Defensivhandlungen. (Die individualtaktischen Inhalte der Defensivhandlungen werden im zweiten Artikel „die Jobs der Spieler“ Thema sein.)

Ziele und Feldaufteilung

Für viele werden diese ersten Zeilen eindeutig und offensichtlich sein. Doch es ist wichtig, die Ziele der Verteidigung im ersten Schritt zu definieren. Denn die Art der Verteidigung wird von den Zielen entscheidend beeinflusst:

  1. Ein gegnerisches Tor verhinden bzw. den Angriff des Gegners auf das eigene Tor erschweren.
  2. Die Eroberung des Balls durch eine direkte Balleroberung bzw. indirekt durch einen erzwungenen Ballverlust beim Gegner.

Teams können taktisch auf beide Ziele unterschiedlich vorbereitet werden. Es kommt darauf an, was die Mannschaft erreichen möchte. Soll eine Führung verteidigt werden? Dann wird prioritär das erste Ziel verfolgt. Zur Umsetzung stehen eine Reihe an taktischer Mittel zur Verfügung. Muss ein Rückstand aufgeholt werden? Dann ist das Ziel die Balleroberung. Das Team muss aktiver agieren, früher attackieren und mehr Risiko eingehen.

Foto 1

Beispielhafte Einteilung des Feldes beim Futsal

Um die Art der Verteidigung einheitlich beschreiben zu können, haben sich beim Futsal einige Begrifflichkeiten und Einordnungen durchgesetzt. Zur Orientierung wird das Futsalfeld  in vier Zonen aufgeteilt. Die beiden Spielfeldhälften werden jeweils mittig halbiert., wodurch vier Felder von je 10m Länge entstehen. An den Zonengrenzen werden im Futsal die idealen Anhaltspunkte für verschiedene Abwehrhöhen eingeteilt. So wird von Verteidigungssystemen auf 1/4, 1/2 und 3/4 des Feldes gesprochen. Soll die Mannschaft tief stehen, so ist von einer tiefen Verteidigung auf 1/4 des Feldes die Rede. Andere Systeme verlangen andere Teampositionierungen. Greift das Team den Gegner sehr hoch in seiner Hälfte an, wird von einer Verteidigung auf 3/4 gesprochen, bei der zum Beispiel Systeme mit kompletter Manndeckung mit hohem physischen und individualtaktischen Aufwand Einsatz finden.

Die Beschreibung der Defensivformationen wird durch einen gruppentaktischer Aspekt erweitert: Der Anzahl an Verteidigungslinien. Als Verteidigungslinien werden die Anzahl an Ebenen durch die Tiefenstaffelung der Spieler beschrieben. Am Beispiel einer Verteidigung im 2-2 System wird schnell deutlich, was damit gemeint ist. Beim 2-2 positionieren sich jeweils zwei Spieler in zwei Verteidigungslinien vor dem eigenen Tor. Überwindet der Gegner die Linie der ersten beiden Spieler, steht eine weitere Linie zur Abwehr des Angriffs bereit. Die Anzahl an Verteidigungslinien ist auf Grund der Spieleranzahl auf maximal vier begrenzt. In diesem Fall müsste eine Mannschaft in einem 1-1-1-1 System den Gegner erwarten. Wie viele Verteidigungslinien eine Mannschaft aufbringt, hängt dementsprechend vom Abwehrsystem ab. Auch hier gilt die einfache Regel: Je mehr Verteidigungslinien ein Team einsetzt, desto schwerer ist es für den Gegner, sich dem Tor zu nähern.

Defensivphasen und -Arten

Wenn wir uns mit dem taktischen Konstrukt der Verteidigung im Einzelnen auseinandersetzen, dürfen nicht die Phasen der Verteidigung außer Acht gelassen werden. Die Verteidigungsarbeit beginnt bekanntlich, wenn der Ballbesitz von einem eigenen Angriff zum Gegner übergeht. Im Futsal bliebt allerdings wie oben angesprochen oft nicht viel Zeit, um die Defensive zu organiseren. Wie viel Zeit bleibt, hängt von der Art des Ballverlustes ab. Kann ein Angriff abgeschloßen werden, bleibt dem Team mehr Zeit, als bei einem Ballverlust. Es werden drei Phasen unterschieden: der Rückzug, die Organisation und die strukturierte Verteidigung.

Der Rückzug: Der Rückzug ist die kürzeste der drei Phasen. Beim Rückzug muss das Team so schnell wie möglich versuchen, die defensive Staffelung und Formation einzunehmen, in dem die Spieler zwischen Ball und eigenen Tor kommen. Je schneller der Gegner seinen Angriff aufbaut, desto wichtiger ist, dass die Spieler individuell die Situation erfassen und ihre Aufgaben und Positionen erkennen.

Die Organisation: Nach dem Rückzug beginnt die Organisation der Spieler. Die Spieler nehmen dabei ihre Plätze in der Formation ein. Die Spieler müssen individual- und gruppentaktisch ihre Abwehrpositionen überprüfen. Stehe ich richtig? Habe ich einen direkten Gegenspieler? Wo stehen meine Mitspieler? Wo ist der Ball und stimmt unsere Position, Druck gegen den Ball und Staffelung als Team? Bei der Organisation spielt dementsprechend die Kommunikation ein große Rolle.

Die strukturierte Verteidigung: Nach der Organisation beginnt die „eigentliche“, strukturierte Verteidigung. Hier beginnt die Umsetzung des Defensivsystems und die Anspassung an den Gegner. In dieser Phase entscheidet die Art der Verteidigung über die Umsetzung des Systems. Unterschieden wird allgemein nach Raumdeckung, Manndeckung oder gemischte Systeme.

Grundlagen der Defensivtaktik in Aktion

Durch diese erste Systematisierung der Verteidigungsbegriffe können wir nun versuchen, Defensivsysteme zu beschreiben. Da Übung bekanntlich den Meister macht, wollen wir unsere neugewonnen Erkenntnisse ausprobieren. Als Beispiel dafür dient die Viertelfinalbegenung zwischen Inter Movistar und Caja Segovia um die Copa de España aus dem Jahr 2013. In dem folgenden Video sind ein paar Minuten aus der Partie zu sehen.

1 Szene MF Def

Defensivsystem von Caja Segovia im 2-1-1

Den Anfang in unser kleinen Analyse macht Caja Segovia. Das Überraschungsteam der Saison 2013 spielt ein in Spanien übliches 2-1-1 System. Bei diesem Defensivsystem wird oft auf 3/4 oder 1/2 des Feldes ein hoher Druck auf den ballführenden Spieler ausgeübt. Segovia ist dabei auf eine schnelle Balleroberung tief in der gegnerischen Hälfte aus, um den kurzen Weg zum gegnerischen Tor für einen Torabschluß zu nutzen. Das 2-1-1 System verfügt über drei Verteidigungslinien. Der erste Wall wird aus zwei Spielern zusammengesetzt. Während der ballnahe Verteidiger den ballführenden Spieler bedrängt, erhält er Unterstützung von einem zweiten Spieler, der die Wege zum gegenüberliegenden Ala schließt und trotzdem Zugriff auf den Fixo besitzt. Der mittlere Spieler bewegt sich meistens in der Nähe des gegnerischen Pivots, um Anspiele in die Mitte zu verhindern, während der letzte Spieler den Raum hinter der Abwehr abdeckt. Caja Segovia spielt dadurch eine Art Manndeckung, die hin zum eigenen Tor mehr in eine Raumdeckung übergeht. Während die erste Verteidigungslinie eher mannorientiert agiert, muss vorallem die letzte Reihe raumdeckend arbeiten. Bei einer 3/4 Verteidigung werden die Räume zwischen den Linien sehr groß, so dass der Druck auf den Ball sowie die Raumbeherrschung des Fixos entscheidende Elemente darstellen. Segovia nutzt dieses System identisch, nur leicht passiver auf 1/2 des Spielfeldes.

2 Szene MF Def

Das raumdeckende 1-2-1 von Inter auf 3/4

Auf der anderen Seite agiert Inter Movistar in einem raumdeckenden 1-2-1 Rautensystem. Die Mannschaft aus Madrid agiert dabei auf allen Feldpositionen in dieser Formation mit drei Verteidigungslinien. Perfekt abgestimmt decken die Spieler von Inter somit den größtmöglichen Raum ab. Anders als das eher asymmetrische System von Segovia ist die Raute von Inter oft eindeutig zu erkennen. Der Pivot nimmt dabei in vorderster Linie die Position eines Feldaufteilers ein, der die Anspiele in die Mitte verhindert. Auch bei einem Anspiel auf die Seite bleibt der Pivot oft star auf seiner Position, um Anspiele in die Mitte oder Diagonal zu verhindern. Der Abstand zwischen den Verteidigungslinien wird von der Höhe der Verteidigung bestimmt. Agiert Inter früh im Pressing auf 3/4 des Feldes, können einige Meter zwischen Fixo und Pivot entstehen. Je tiefer Inter sich zurückzieht, desto enger wird die Raute, die das Zentrum abdeckt. Auf dem Beispielbild ist die Wirkung dieses 1-2-1 gut zu erkennen. Segovia hat keine Anspielstationen und verweist die Mitte, da der Pivot den Raum dorthin verschließt. Die letzten Verteidigungslinie von Inter sichert ohne bindenden Gegenspieler den Rückraum ab. Eine Balleroberung scheint in Aussicht.

Und nun seid ihr gefragt! Waren euch diese Grundlagen bekannt oder arbeitet ihr mit anderen Begrifflichkeiten? In welchen Systemen verteidigt euer Team? Lasst es uns in den Kommentaren wissen!

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