Der Masterplan »Futsal Deutschland 2035«,
seine Futsalentwickler und die magischen 10 Prozent

Den Artikel jetzt hier anhören!
Vor kurzem habe ich unter dem Titel »Leuchttürme und Häfen des Futsals« einen Artikel veröffentlicht, der eigentlich ein anderer Artikel hätte werden können. Die veröffentlichte Fassung umfasst rund 3.500 Wörter. Die ursprüngliche Analyse war jedoch fast dreimal so lang. Nach der Veröffentlichung dachte ich viel über das Weggelassene nach – und vor allem seit letztem Freitag immer mehr: Der Anlass dafür ist kein Länderspiel, keine Bundesliga und keine internationale Futsalschlagzeile. Es ist ein zwölfseitiges Instagram-Statement eines Futsal-Regionalligisten: Holzpfosten Schwerte.
Denn während wir darüber sprechen, wie hell die Leuchttürme des deutschen Futsals inzwischen leuchten können, meldet sich mit Holzpfosten Schwerte einer seiner ältesten und etabliertesten Häfen und sagt:
»Wir sind müde.«
Dieser zweite Teil besteht deshalb gewissermaßen aus den ausgelassenen Elementen des ersten Artikels. Zugleich ist er ein analysebasiertes Plädoyer an den DFB und insbesondere seine 21 Landesverbände. Nicht für weniger Spitzensport. Sondern für eine Entwicklungspolitik, die begreift:
Wer dauerhaft helle Leuchttürme will, muss Häfen bauen.
Wenn ein Hafen sagt: »Wir sind müde.«
Das Statement der Holzpfosten ist zunächst ein Bericht über die Futsal-Regionalliga West. Aber wenn man genauer liest, erzählt es etwas Größeres. Der Verein beginnt mit einer elementaren Frage:
»Wie verlässlich ist der Spielbetrieb eigentlich noch?«
Bereits am ersten Spieltag trat der FC Augustdorf nicht an; am 24. September folgte der Rückzug. Auch gegen Schwerte hat es zuletzt einen Nichtantritt des Sportclubs am Rhein aus Köln gegeben.
Seit Einführung der Bundesliga 2021/22 lassen sich zudem mehrere Rückzüge aus der Futsalliga West aufzeigen: die Bonner Futsal Lions und den Königsborner SV, später Real Münster und Croatia Mülheim, die Zweitvertretung des MCH Futsal Clubs Bielefeld und die Bergheimer Falcons sowie nun den FC Augustdorf.
Natürlich ersetzt diese Auflistung keine vollständige Analyse der Ursachen jedes einzelnen Rückzugs. Gleichzeitig hat es auch Bundesligaaufsteiger gegeben. Auch das räumen die Holzpfosten ein: Bielefeld, Düsseldorf, Köln, Münster und Mülheim schafften aus der Futsalliga West den Sprung nach oben. Die Liga kann also weiterhin ein Sprungbrett sein. Die entscheidende Frage lautet aber:
»Was kommt danach?«
Genau hier beginnt die strukturelle Dimension: Wenn oben Mannschaften herauswachsen, unten aber nicht genügend stabile Strukturen nachwachsen, produziert ein System möglicherweise vertikale Mobilität ohne horizontale Reproduktion. Es bringt einzelne Vereine nach oben, reproduziert aber seine eigene Breite nicht ausreichend.
Die Folgen beschreiben die Holzpfosten konkret: Heimspiele werden geplant, Personal organisiert, Hallensprecher engagiert, Eintrittskarten erstellt, Livestreams vorbereitet – und anschließend bleibt unsicher, ob das angesetzte Spiel überhaupt stattfindet.
Das ist mehr als ein organisatorisches Ärgernis.
Es ist ein Vertrauensproblem.
Ein Wettbewerb lebt von Erwartungssicherheit. Spieler müssen erwarten können, dass gespielt wird. Vereine müssen Veranstaltungen planen können. Zuschauer müssen darauf vertrauen können, dass angekündigte Spiele stattfinden. Sponsoren müssen wissen, wofür sie bezahlen.
Am Ende des Statements steht deshalb ein bemerkenswerter Satz:
»Es lohnt sich, Futsal zu machen.«
Genau diesen Satz wollen die Holzpfosten weiterhin sagen können. Ein Sport, dessen engagierteste Akteure irgendwann fragen »Warum machen wir das eigentlich noch?«, besitzt nicht primär ein Motivationsproblem seiner Ehrenamtlichen.
Er besitzt ein Strukturproblem.
Während Häfen schwinden, werden die Leuchttürme heller
Gleichzeitig betrachten wir die andere Seite. Am 9. Dezember spielt Deutschland im Münchner SAP Garden gegen Brasilien, den Futsal-Rekordweltmeister. Das Spiel wird als großes Entertainment-Ereignis inszeniert. Erstmals soll ein Futsal-Länderspiel auf einem vollständig programmierbaren LED-Glasboden stattfinden.
Ich persönlich finde das großartig. Wirklich. Brasilien. Große Arena. Technologie. Öffentlichkeit und Bilder, die Menschen vielleicht erstmals mit Futsal in Berührung bringen.
Aber:
Das Licht ist nicht das Problem.
Das Problem entsteht, wenn wir die Helligkeit des Leuchtturms mit dem Zustand der Küste verwechseln. In meinem vorherigen Artikel habe ich gezeigt, dass der organisierte deutsche Futsal nach unseren Daten seit 2020 deutlich zurückgegangen ist. Gleichzeitig entwickelten sich Nationalmannschaft, Bundesliga, Stützpunkte, Trainerqualifikationen und immer professionellere Spitzenstrukturen.
Deutschland konnte also gleichzeitig besser und kleiner werden.
Die Sportmanagementforschung warnt zudem vor der bequemen Vorstellung eines automatischen Trickle-down: Spitzensport produziert nicht automatisch Breitensport. Sichtbarkeit kann Menschen aktivieren – aber sie muss durch konkrete Zugänge, Angebote und Organisationskapazität in Teilnahme übersetzt werden.
Oder in unserer Sprache:
Ein Leuchtturm benötigt Häfen.
Leuchttürme können Menschen zeigen, dass irgendwo eine Küste existiert. Doch jemand muss dort einen Anleger errichten. Und die Abhängigkeit funktioniert langfristig auch in die andere Richtung:
Ohne Häfen kann auch der Leuchtturm nicht dauerhaft bestehen.
Eine Nationalmannschaft erzeugt ihre Spieler, Trainer und sportliche Kultur nicht aus sich selbst heraus. Vereine, regionale Wettbewerbe, Kinder- und Jugendangebote, Trainer und erreichbare Spielorte sind deshalb nicht lediglich die Basis unterhalb der Nationalmannschaft.
Sie sind ihre Reproduktionsgrundlage.
Schwinden diese Häfen dauerhaft, wird irgendwann auch der hellste Leuchtturm davon erfasst. Zunächst lässt sich Qualität konzentrieren und die Spitze professionalisieren. Doch wenn immer weniger Spieler, Trainer, Vereine und Wettbewerbsstrukturen nachwachsen, beginnt das Fundament zu erodieren.
Dann verrottet der Leuchtturm gewissermaßen von unten.
Genau darin liegt das Paradoxon einer Entwicklungsstrategie, die ihre Spitze dauerhaft von ihrer Basis entkoppelt:
Wer nur den Leuchtturm schützt und seine Häfen schwinden lässt, gefährdet langfristig auch den Leuchtturm.
Kafkaeske Fußballverbände:
Warum die »Zusatzaufgabe Futsal« nicht reicht
Franz Kafkas Texte kreisen immer wieder um das Verhältnis des Einzelnen zu undurchsichtigen Institutionen, bürokratischen Ordnungen und schwer greifbaren Zuständigkeiten. Gerade deshalb eignet sich sein unvollendeter Roman »Das Schloss« als Denkfigur für ein Problem, das auch den Futsal in Fußballverbänden beschäftigt. Bei Kafka versucht der Protagonist K. fortwährend, Zugang zu einer Institution zu bekommen, deren Zuständigkeiten vorhanden scheinen und zugleich schwer greifbar bleiben. Es gibt Personen, Verfahren und Verantwortlichkeiten – und trotzdem bleibt die Institution eigentümlich unerreichbar.
Eine ähnliche Gefahr entsteht organisatorisch, wenn eine Aufgabe nirgendwo primär als Kernaufgabe verantwortet wird. Futsal liegt dann im Organigramm irgendwo zwischen Fußballentwicklung, Spielbetrieb, Talentförderung, Qualifizierung und Vereinsservice. Das Problem besteht nicht darin, dass niemand arbeitet oder niemand helfen möchte. Im Gegenteil. Die beteiligten Personen können außerordentlich engagiert sein.
Das Problem liegt in einer Organisationsstruktur, in der Aufgaben und Verantwortung durch ihre Verteilung zugleich diffus werden können.
Deshalb lautet meine Schlussfolgerung:
Futsal? Ganz oder gar nicht!
Damit meine ich nicht, dass ausschließlich Futsal betrieben werden müsste. Ich meine, wenn ein Verband Futsal entwickeln will, muss Futsal institutionelle Zuständigkeit, Personal, Budget, Ziele, messbare Verantwortlichkeit und Handlungsmöglichkeiten erhalten. Denn wer jemanden für einen Hafen verantwortlich macht, ihm aber weder Zeit noch Werkzeug noch Baumaterial gibt, hat keinen Hafenbauer eingestellt:
Er hat einen Hafenverwalter geschaffen.
Futsal darf deshalb nicht nur entwickelt werden, weil er möglicherweise Fußballer besser macht.
Futsal muss entwickelt werden, weil Menschen Futsal spielen wollen.
Die entscheidende Ressource heißt Mensch
Wenn wir ernsthaft mehr Häfen wollen, benötigen wir Menschen, deren Hauptberuf es ist, Futsalhäfen zu bauen. Nicht Funktionäre, die sich zusätzlich darum kümmern. Keine Stellenbeschreibung, in der Futsal der siebte Punkt eines Aufgabenprofils ist.
Sondern:
Futsalentwickler.
Hauptamtlich.
Fachlich qualifiziert.
In jedem Landesverband.
Meine Forderung wäre bewusst konkret:
Mindestens zwei hauptamtliche Futsalentwickler pro Landesverband.
Das wären bundesweit 42 Stellen.
Warum zwei? Weil eine Person bereits wieder eine Ein-Personen-Insel erzeugen würde. Wichtig ist: Krankheit, Urlaub, Stellenwechsel oder Überlastung dürfen nicht dazu führen, dass in einem ganzen Verbandsgebiet Futsalentwicklung ruht. Zwei Personen erlauben zudem Schwerpunktbildungen: beispielsweise Spielbetrieb und Vereinsentwicklung einerseits – Kinder, Jugend, Schule und Qualifizierung andererseits.
Ausgewählt werden sollten sie nicht primär danach, wer bereits in einem Fußballverband arbeitet und Futsal noch als Zusatzaufgabe übernehmen könnte. Sondern nach einem
Futsal-Kompetenzprofil
Erfahrung im organisierten Futsal, Kenntnisse der regionalen Vereinslandschaft, Kompetenzen in Vereins-, Projekt- und Netzwerkentwicklung, pädagogische Fähigkeiten, Verständnis für Sportstättenpolitik, Qualifizierung und Daten – und vor allem ein gewachsenes Verständnis des Futsals als eigenständiger Sportart.
Kurz:
Aus dem Futsal für den Futsal.
Dabei sollten wir auch diejenigen in den Blick nehmen, die den deutschen Futsal seit Jahren oder Jahrzehnten getragen und aufgebaut haben. Seine junge Geschichte ist eine Geschichte von Pionieren: von Menschen, die Mannschaften gegründet, Wettbewerbe aufgebaut, Spieler entwickelt und Strukturen geschaffen haben, als es weder Bundesliga noch die heutigen Nationalmannschafts-, Stützpunkt- und Qualifizierungsstrukturen gab.
Da wir bei Mister Futsal selbst zu diesen Pionieren gehören, beobachten wir, wie viel futsalspezifisches Erfahrungswissen dem organisierten Futsal inzwischen verloren gegangen ist oder ihm nicht mehr in vergleichbarer Weise zur Verfügung steht.
Ein professioneller Entwicklungsplan sollte deshalb nicht nur fragen:
Wen können wir für den Futsal qualifizieren?
Sondern auch:
Welche Futsalpioniere sind noch aktiv – welche haben wir verloren – und welche könnten wir zurückgewinnen?
Professionalisierung wäre dann nicht das Gegenteil der Pioniergeschichte, sondern ihre konsequente Fortsetzung:
Aus Futsalpionieren könnten professionelle Futsalentwickler werden.
Was würden Futsalentwickler kosten?
42 hauptamtliche Stellen klingen zunächst nach einer großen Forderung. Also rechnen wir.
Bei angenommenen Arbeitgeberkosten von durchschnittlich 80.000 bis 100.000 Euro pro Stelle lägen wir bei ungefähr 3,4 bis 4,2 Millionen Euro jährlich.
Ab 2027 wird Nike bis Ende 2034 Ausrüstungspartner des DFB. Die finanziellen Konditionen sind nicht offiziell veröffentlicht. Medienberichte nennen allerdings eine Größenordnung von mindestens 100 Millionen Euro jährlich; für den bisherigen Adidas-Vertrag werden etwa 50 Millionen Euro genannt. Deshalb rechne ich ausdrücklich mit einer konservativen Modellannahme:
100 Millionen Euro jährliches Gesamtvolumen.
50 Millionen Euro zusätzlicher Erlös gegenüber dem bisherigen Vertrag.
Damit entsprächen rund vier Millionen Euro etwa 4 Prozent des angenommenen jährlichen Gesamtvolumens.
4 Prozent für Menschen, die Häfen bauen.
Nicht zur Finanzierung des bereits bestehenden Futsals. Nationalmannschaften, Leistungssport und vorhandene Wettbewerbsstrukturen sollten davon unberührt bleiben. Gemeint wäre ein zusätzliches Entwicklungsbudget.
Doch Menschen allein bauen noch keine Häfen. Sie brauchen Räume.
Frankreich, Portugal und Hamburg: Was wir lernen können
Man muss dafür nicht nach Brasilien oder Spanien schauen. Frankreich stellte für seinen Futsal-Entwicklungsplan 2022 bis 2025 18,4 Millionen Euro bereit. Der Plan umfasste nicht lediglich Leistungssport, sondern Praxisentwicklung, Wettbewerbe, Ausbildung, strukturelle Verankerung und Promotion. Seit 2018 unterstützt der französische Verband zudem Kommunen und Vereine beim Neubau oder bei der Renovierung von Futsalanlagen – indoor wie outdoor.
Das ist Hafenbau im wörtlichen Sinne.
Portugal zeigt wiederum, wie Basis und Spitze miteinander verbunden werden können. Anfang 2025 zählte das Land 43.704 registrierte Futsalspielende. Die Entwicklungslogik lautet vereinfacht:
mehr Wettbewerbe → mehr Teams → mehr Entwicklungsmöglichkeiten → breitere Basis → leistungsfähigere Spitze.
Und Portugal plant weiter: Der strategische Gesamtplan 2024–2036 wurde 2026 durch sektorale Mikropläne ergänzt – darunter einen eigenen für Futsal.
Die Logik lautet:
nationaler Rahmen – regionale Übersetzung – lokale Umsetzung.
Und selbst in Deutschland existiert bereits eine interessante Idee: das Hamburger Spielbetriebsmodell. Die Saison wird dort als »Feld–Halle–Feld« gedacht. Von U6 bis U19 werden altersangepasste Hallenspielformen vorgesehen – ab der D-Jugend entsteht strukturierter Futsalspielbetrieb.
Das Entscheidende daran ist nicht irgendeine einzelne Spielform.
Es ist Sozialisation.
Wer Futsal erst mit 20 entdeckt, muss sich bewusst für eine fremde Sportart entscheiden. Wer mit acht, zehn oder zwölf Jahren selbstverständlich Futsal spielt, kennt Ball, Feld, Regeln und Kultur.
Aus Bekanntheit kann Vertrautheit werden.
Aus Vertrautheit Zugehörigkeit.
Und aus Zugehörigkeit irgendwann Kultur.
Frankreich, Portugal und Hamburg zeigen auf unterschiedlichen Ebenen dasselbe: Konzepte allein entwickeln keine Sportart. Jemand muss Vereine gewinnen, Hallen erschließen, Trainer qualifizieren, Schulen vernetzen und Wettbewerbe organisieren.
So landen wir wieder bei derselben Ressource:
Menschen.
Deutschland braucht Futsalentwickler und Futsalorte
Personal allein reicht jedoch nicht. Eine Sportart braucht Orte, an denen sie stattfinden kann. Hallenknappheit ist im deutschen Futsal kein Randproblem, sondern eine Wachstumsgrenze. Wo eine neue Mannschaft keinen regelmäßigen Trainingsort findet, wird sie kaum dauerhaft existieren.
Deshalb gehört in einen deutschen Futsal-Masterplan ein
Futsal-Infrastrukturfonds.
Nicht mit der Vorstellung, der DFB müsse überall Sporthallen errichten. Sondern als Kofinanzierungsprogramm mit Kommunen, Ländern und Vereinen: Hallen könnten futsalgerecht ausgestattet, Nutzungsfenster gesichert und Outdoor-Futsalcourts geschaffen werden.
Futsal muss sichtbar spielbar werden.
Nicht nur sichtbar anschaubar.
MASTERPLAN
»FUTSAL DEUTSCHLAND 2035«
Was folgt aus all dem?
Der deutsche Futsal braucht keinen Wunschzettel.
Er braucht eine verbindliche Entwicklungsarchitektur.
Der DFB besitzt mit seinem Masterplan Amateurfußball grundsätzlich bereits ein Instrument, das Entwicklung gemeinsam mit den Landesverbänden organisiert.
Warum also nicht einen entsprechend ambitionierten Masterplan für Futsal?
Normativ: Was wollen wir?
Futsal muss als eigenständige Sportart gedacht werden.
Nicht gegen Fußball.
Nicht getrennt von Fußball.
Aber auch nicht ausschließlich für Fußball.
Nicht Hallentraining.
Nicht bloß Talententwicklungsinstrument.
Nicht Winterbeschäftigung.
Futsal für Futsal.
Das Ziel:
Mehr Futsal für mehr Menschen.
Strategisch: Wo wollen wir 2035 stehen?
Bis 2035 braucht Deutschland überprüfbare Entwicklungsziele:
Mehr registrierte Futsalspieler,
kontinuierliche Kinder- und Jugendangebote in allen Landesverbänden,
stabile Männer- und Frauenwettbewerbe,
mehr Schulkooperationen,
neue Vereine und Abteilungen sowie
mehr qualifizierte Trainer und geeignete Spielorte.
Wir sollten nicht nur fragen, wie erfolgreich die Nationalmannschaft ist, sondern:
Wie viele Mannschaften gibt es?
Wie viele Kinder und Jugendliche spielen?
Wie viele Frauen und Mädchen?
Wie viele Schulen bieten regelmäßig Futsal an?
Wie viele neue Vereine bestehen auch nach drei oder fünf Jahren noch?
Erst dann können wir unterscheiden, ob wir Aktivität oder Entwicklung produzieren.
Strukturell: Wer trägt die Verantwortung?
Drei Bausteine:
Erstens:
Mindestens zwei hauptamtliche Futsalentwickler in jedem der 21 Landesverbände.
Zweitens:
Ein interdisziplinäres Futsal-Entwicklungsteam auf DFB-Ebene für Daten, Vereinsentwicklung, Nachwuchs, Schule, Qualifizierung, Infrastruktur und Wissenstransfer.
Drittens:
Ein mehrjähriger Futsal-Infrastrukturfonds.
Damit wären dezentrale Entwicklung, zentrale Koordination und materielle Ressourcen erstmals systematisch verbunden:
Menschen brauchen Ressourcen.
Verantwortung braucht Handlungsmöglichkeiten.
Und strukturelle Entwicklung braucht beides.
Finanziell: Die magischen 10 Prozent
Jetzt lässt sich das Modell zusammenführen.
Beispielhaft kalkuliert:
4 Millionen Euro
für 42 hauptamtliche Futsalentwickler.
4 Millionen Euro
für einen bundesweiten Futsal-Infrastrukturfonds.
1 Million Euro
für Nachwuchs-, Wettbewerbs- und Vereinsentwicklung.
1 Million Euro
für Qualifizierung, Daten, Evaluation, Wissenstransfer und zentrale Steuerung.
Damit läge ein ambitionierter Masterplan bei rund
10 Millionen Euro jährlich.
Unter unserer ausdrücklich – konservativ berechneten – modellhaften Annahme eines Nike-Vertragsvolumens von 100 Millionen Euro wären das:
10 Millionen Euro = 10 Prozent = Ein Masterplan.
Oder:
4 Prozent für Menschen.
4 Prozent für Orte.
1 Prozent für Entwicklung.
1 Prozent für Wissen.
=
Die magischen 10 Prozent für eine deutsche Futsalkultur.
Diese 10 Prozent sind weder eine Wunderformel noch eine Forderung nach einer vertraglichen Zweckbindung von Nike-Geldern. Sie sind eine Bezugsgröße für institutionelle Priorität.
Und selbst diese Größenordnung muss eingeordnet werden: Die DFB GmbH & Co. KG erzielte 2024 Umsatzerlöse von rund 441 Millionen Euro. 10 Millionen Euro entsprächen rechnerisch nur etwa 2 Prozent dieser Umsatzgröße. Das ist ausdrücklich keine Aussage darüber, dass dieses Geld verfügbar wäre. Es verdeutlicht lediglich die wirtschaftliche Dimension, über die wir hier sprechen.
Geld allein löst keine Strukturprobleme.
Aber Strukturprobleme lösen sich auch nicht dadurch,
dass wir so tun, als benötigten Strukturen kein Geld.
Die eigentliche Magie der 10 Prozent besteht deshalb darin,
die Perspektive auf das vermeintlich Unmögliche zu verändern.
Es geht nicht darum, den bestehenden Leuchtturm zu finanzieren. Es geht darum, zusätzlich Menschen und Strukturen zu finanzieren, die neue Häfen bauen.
Denn Hauptamt ohne Entwicklungsbudget wäre am Ende lediglich eine professionellere Verwaltung des Mangels.
Menschen brauchen Ressourcen.
Verantwortung braucht Handlungsmöglichkeiten.
Und ein Masterplan braucht ein Budget.
Die entscheidende Frage lautet deshalb:
Wäre dem DFB die strukturelle Entwicklung einer nachhaltigen deutschen Futsalkultur diese 10 Prozent wert?
In diesem Zuge wäre ein solcher Masterplan finanziell keineswegs ohne institutionellen Vergleich. DFB und Landesverbände investieren nach eigenen Angaben insgesamt rund 125 Millionen Euro jährlich in den Amateurfußball – überwiegend in Form von Verbandsleistungen. Den Abgaben der Amateurvereine von rund 40 Millionen Euro steht damit eine vom DFB bezifferte Nettoleistung der Verbände von rund 85 Millionen Euro gegenüber. Der hier vorgeschlagene Masterplan »Futsal Deutschland 2035« mit einem jährlichen Volumen von 10 Millionen Euro entspräche damit lediglich rund 8 Prozent der gegenwärtigen Gesamtinvestitionen von DFB und Landesverbänden in den Amateurfußball beziehungsweise knapp 12 Prozent ihrer ausgewiesenen Nettoleistung.
Dabei wäre es allerdings zu kurz gedacht, diese 10 Millionen Euro als Investition zu verstehen, die ausschließlich dem Futsal und damit gewissermaßen nicht mehr dem Amateurfußball zugutekäme. Gerade das Hamburger Spielbetriebsmodell zeigt, wie unmittelbar Futsalentwicklung zugleich Spielbetriebs- und Vereinsentwicklung innerhalb des Amateurfußballs sein kann. Wird die Saison im Kinder- und Jugendbereich systematisch als »Feld–Halle–Feld« gedacht und Futsal damit in bestehende Vereins- und Wettbewerbsstrukturen integriert, profitieren davon gerade jene Fußballvereine und ihre Mitglieder, die das Fundament der Landesverbände bilden.
Ein Masterplan »Futsal Deutschland 2035« könnte deshalb auch dazu beitragen, solche bereits vorhandenen Referenzmodelle aufzugreifen, wissenschaftlich und praktisch zu evaluieren, weiterzuentwickeln und für die unterschiedlichen Bedingungen der übrigen Landesverbände adaptierbar zu machen.
Ein Teil der Investitionen in den Futsal wäre damit zugleich eine Investition in die Weiterentwicklung des Amateurfußball-Spielbetriebs selbst – insbesondere im Kinder- und Jugendbereich. Futsalförderung und Amateurfußballförderung wären an dieser Stelle also keine konkurrierenden Investitionen, sondern könnten sich gegenseitig verstärken.
Gerade weil ein solcher Masterplan nicht nur den Futsal entwickeln, sondern zugleich in bestehende Strukturen des Amateurfußballs hineinwirken würde, erscheinen die dafür modellierten 10 Millionen Euro jährlich in einem anderen Verhältnis. Für den deutschen Futsal wären sie zweifellos ein erheblicher Entwicklungssprung. Gemessen an den finanziellen Größenordnungen, mit denen das bestehende föderale Fußballsystem seine Basis bereits entwickelt und organisiert, wären sie jedoch keine systemfremde Größenordnung. Und diesem Entwicklungssprung des Futsals müsste zugleich der finanzielle Entwicklungssprung gegenübergestellt werden, den der neue Nike-Ausrüstervertrag für den DFB bedeutet:
Legt man die öffentlich berichteten Größenordnungen zugrunde, würde sich das jährliche Vertragsvolumen gegenüber dem bisherigen Adidas-Vertrag mindestens verdoppeln. Die hier modellierten 10 Millionen Euro wären damit nicht allein als zusätzliche Ausgabe zu betrachten, sondern als mögliche Reinvestition eines Teils jener zusätzlichen finanziellen Spielräume, die dem DFB ab 2027 überhaupt erst neu entstehen.
Operativ: Jeden Tag Häfen bauen
Und was tun diese Futsalentwickler?
Sie besuchen Vereine.
Helfen beim Aufbau von Futsalabteilungen.
Etablieren Kinder- und Jugendspielbetrieb.
Bringen Futsal in Schulen.
Qualifizieren Trainer.
Organisieren Netzwerke.
Erschließen Hallenzeiten.
Beraten Kommunen.
Begleiten neue Vereine und analysieren, warum Mannschaften entstehen – und warum sie verschwinden.
Gemessen werden sie nicht nur an Veranstaltungen, sondern an Entwicklung:
Wie viele neue Mannschaften sind entstanden?
Wie viele bestehen nach drei Jahren noch?
Wie viele Kinder, Frauen und Mädchen spielen?
Wie viele Schulen bieten Futsal an?
Wie viele angesetzte Spiele finden tatsächlich statt?
Wie viele neue Praxisorte entstehen?
Und eben nicht nur: Wie erfolgreich war unsere Nationalmannschaft?
Das wäre ein anderes Verständnis von Erfolg.
Konklusion:
Schwerte, Brasilien und 10 Prozent für neue Futsalhäfen
Abschließend komme ich zurück zu Holzpfosten Schwerte. Ihr Statement endet nicht mit Rückzug. Es endet mit Hoffnung. Die Holzpfosten wollen weiterhin sagen können:
»Es lohnt sich, Futsal zu machen.«
Vielleicht sollten wir diesen Satz zum Prüfstein deutscher Futsalpolitik machen.
Am 9. Dezember können wir Brasilien auf einem programmierbaren LED-Glasboden empfangen. Bitte macht das. Macht den Abend groß. Macht ihn laut. Macht den Leuchtturm so hell, wie er nur werden kann.
Aber wenn am nächsten Morgen irgendwo in Deutschland ein Kind dieses Spiel gesehen hat und Futsal spielen möchte, muss unsere Entwicklungsfrage lauten:
Wo kann dieses Kind am Nachmittag hingehen?
Wenn die Antwort darauf zu häufig lautet: nirgendwo, dann war der Leuchtturm sichtbar – aber sein Licht hat keinen Hafen gefunden.
Wir brauchen Brasilien im SAP Garden, doch mindestens genauso brauchen wir den verlässlichen Gegner für Holzpfosten Schwerte.
Wir brauchen Nationalmannschaften bis Nachwuchsligen. Bundesligen und Regionalligen. Und LED-Böden mindestens genau so gewöhnliche Hallen am Mittwochabend.
Wir brauchen Leuchttürme.
Aber vor allem müssen wir lernen, Futsalhäfen zu bauen.
Denn wenn die Basis dauerhaft schwindet, verliert irgendwann auch die Nationalmannschaft das Fundament, auf dem sie steht.
Vielleicht ist die entscheidende Frage nach zehn Jahren deutscher Futsal-Nationalmannschaft und fünf Jahren Bundesliga deshalb nicht mehr, ob der DFB Futsal will.
Die Frage ist:
Wie viel Futsal will er?
Unsere Modellrechnung gibt darauf keine Antwort. Sie macht aber eine mögliche Größenordnung sichtbar:
4 Prozent für Menschen.
4 Prozent für Orte.
1 Prozent für Entwicklung.
1 Prozent für Wissen.
=
10 Millionen Euro. 10 Prozent. Ein Masterplan.
Keine Wunderformel. Keine Zweckbindung eines Ausrüstervertrags. Sondern eine Bezugsgröße dafür, was uns die strukturelle Entwicklung einer Sportart wert sein könnte.
Denn nur ein bisschen Futsal funktioniert auf Dauer nicht. Eine Sportart lässt sich nicht nachhaltig als Zusatz- und Nebenaufgabe entwickeln.
Deshalb mein Plädoyer:
Gebt dem Futsal Menschen.
Gebt ihm Räume.
Gebt ihm Wettbewerbe.
Gebt ihm Schulen.
Gebt ihm Daten.
Gebt ihm Budgets.
Gebt ihm Verantwortung.
Gebt ihm einen Masterplan.
Und gebt den Menschen, die seit Jahren seine Häfen mit ehrenamtlicher Arbeit am Leben halten, endlich professionelle Strukturen, die ihre Leidenschaft nicht ersetzen, sondern tragen.
Futsal? Ganz oder gar nicht!
Denn die Basis verdient diese Investitionen nicht deshalb, weil aus ihr vielleicht irgendwann Nationalspieler entstehen.
Die Basis verdient sie, weil sie Antezedens und Konsequenz zugleich ist: Ausgangspunkt und Ergebnis, Ursache und Wirkung.
Weil sie Futsal ist.
Die Basis muss ihren Wert nicht erst dadurch beweisen, dass sie Spieler für die Spitze hervorbringt. Sie ist nicht bloß Mittel zum Zweck, nicht bloß Unterbau des Leistungssports und nicht bloß Voraussetzung für eine erfolgreiche Nationalmannschaft.
Die Basis ist der Ort, an dem eine Sportart überhaupt existiert.
Und vielleicht lässt sich dieser Beitrag deshalb mit folgender Erkenntnis abschließen:
Der deutsche Futsal kann ohne Nationalmannschaft existieren.
Das hat er schon. Und ausgerechnet Holzpfosten Schwerte weiß das nur zu gut: 2015 spielte Schwerte, noch vor Gründung der deutschen Futsal-Nationalmannschaft, in ausverkaufter Arena vor rund 2.000 Zuschauern gegen Hamburg. Ich war damals selbst vor Ort und erinnere mich an die besondere Atmosphäre. Im wahrsten Sinne des Wortes war dieses Spiel »überragend, zum Genießen für alle!« – jener Ausspruch Daniel Ottos, des damaligen Holzpfosten-Keepers, aus dem Jahr 2014, der bis heute regelmäßig als Einspieler in unserem 2mal20netto-Podcast zu hören ist. Rückblickend wirkt dieses »Überragend!« beinahe prophetisch: Bis heute überragt dieses Spiel zwischen Schwerte und Hamburg im deutschen Vereinsfutsal alle anderen – zu keinem anderen deutschen Vereinsfutsalspiel kamen seither mehr Zuschauer.
Während der deutsche Futsal also ohne Nationalmannschaft existieren kann, gilt umgekehrt:
Ohne seine Basis kann der deutsche Futsal nicht existieren.
Fortsetzung folgt…