Das Matthäus-Prinzip und warum wir alle Teil des Problems und zugleich der Lösung sind

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Die Arbeit an diesem Artikel begann schon lange vor unserer 2mal20netto-Podcastfolge #233 »Frauen-Nationalteam: Leuchtturm oder Symbolpolitik?«, jedoch wurde er mit Impulsen aus dieser Folge nun finalisiert. In der Podcastfolge 233 haben wir uns – ausgehend von der für 2027 angekündigten deutschen Frauen-Futsal-Nationalmannschaft – mit der Frage beschäftigt, was ein weiterer sichtbarer Baustein an der Spitze eigentlich für die Entwicklung des Futsals insgesamt bedeutet. Dieser Text löst sich jedoch bewusst von der konkreten Diskussion. Es geht nicht um das Für und Wider der deutschen Frauen-Nationalmannschaft, sondern um eine grundsätzlichere Frage:
Wie entwickelt sich Futsal national und international – und woran erkennen wir überhaupt, dass sich eine Sportart entwickelt?
Denn der Futsal wächst. Zumindest sieht es so aus. Nationalmannschaften werden professioneller, internationale Wettbewerbe größer, die UEFA Futsal Champions League produziert spektakuläre Bilder und Nationalverbände schaffen Leistungszentren, Nachwuchsnationalteams und Trainerlizenzen. Die UEFA spricht inzwischen von rund 30 Millionen Menschen, die weltweit Futsal spielen. Während 1996 lediglich 17 Verbände am europäischen Nationalteam-Wettbewerb teilnahmen, waren es für die Futsal EURO 2026 bereits 48. Allein deren Qualifikation umfasste 146 Spiele und zog mehr als 160.000 Zuschauer an.
Die Leuchttürme des Futsals leuchten also. Und sie werden immer heller.
Als Futsalphilosoph beschäftigt mich jedoch eine andere Frage:
Was passiert eigentlich mit den Häfen des Futsals?
Denn eine Sportart entwickelt sich nicht nur dort, wo Nationalspieler einlaufen, Champions-League-Spiele ausgetragen und Pokale hochgehalten werden. Sie lebt vor allem dort, wo an einem Mittwochabend zwölf Menschen eine Halle aufschließen, jemand ehrenamtlich eine Mannschaft trainiert, ein Jugendlicher zum ersten Mal einen Futsal berührt, ein Verein eine neue Mannschaft meldet, eine regionale Liga funktioniert und der nächste Gegner erreichbar bleibt.
Eine Sportart lebt dort, wo Menschen sie nicht nur anschauen, sondern spielen können.
Und genau hier wird die Geschichte komplizierter.
»Wer hat, dem wird gegeben.«
Der amerikanische Soziologe Robert K. Merton übertrug 1968 eine Formulierung aus dem Matthäusevangelium als Matthäus-Effekt auf die Wissenschaft: »Wer hat, dem wird gegeben.« Bereits renommierte Wissenschaftler erhalten demnach für Leistungen überproportional viel Aufmerksamkeit und Anerkennung. Diese erhöht wiederum ihre Sichtbarkeit und verbessert ihre Chancen auf weitere Ressourcen und Erfolge.
Vorteil produziert weiteren Vorteil.
Merton entwickelte daraus die Vorstellung der cumulative advantage – des kumulativen Vorteils. Aus einem Ausgangsvorteil kann eine Aufwärtsspirale entstehen, aus einem Ausgangsnachteil eine Abwärtsspirale.
Vielleicht lässt sich damit auch ein zentrales Entwicklungsproblem des Futsals beschreiben. Wer bereits über Nationalspieler und Spitzenvereine verfügt, investiert leichter weiter in diese Strukturen. Internationale Wettbewerbe erzeugen Sichtbarkeit, Sichtbarkeit erhöht die Attraktivität für Sponsoren, zusätzliche Ressourcen verbessern die Voraussetzungen für weiteren Erfolg.
Erfolg produziert die Bedingungen weiteren Erfolgs.
Währenddessen benötigt der Verein zwei Ebenen darunter etwas wesentlich Banaleres: eine Halle am Mittwochabend.
Das Matthäus-Prinzip des Futsals
Meine zentrale These lautet deshalb:
Der Futsal leidet nicht nur darunter, dass zu wenig in ihn investiert wird. Entscheidend ist, wo innerhalb des Futsals investiert wird.
Ressourcen folgen häufig Sichtbarkeit, Status und bereits vorhandenem Erfolg.
An der Spitze kann daraus ein Kreislauf entstehen:
Leistung → Aufmerksamkeit → Ressourcen → bessere Bedingungen → höhere Leistung.
Weiter unten kann derselbe Mechanismus umgekehrt wirken:
wenige Teams → geringe Sichtbarkeit → geringe Priorität → weniger Ressourcen → schlechtere Bedingungen → noch weniger Teams.
Irgendwann stehen wir vor einem merkwürdigen Bild:
Die Leuchttürme werden immer heller, während die Häfen schwinden.
Es ist die Logik des Matthäus-Prinzips:
Wer bereits hat, dem wird leichter noch mehr gegeben;
wer wenig hat, läuft Gefahr, auch das Wenige zu verlieren.
Deutschland: gleichzeitig besser und schlechter
Deutschland liefert dafür ein interessantes Beispiel. 2016 spielte erstmals offiziell die deutsche Futsal-Nationalmannschaft, 2021 folgte die Bundesliga. Die Spitze wurde professioneller, die Nationalmannschaft konkurrenzfähiger und mit der Bundesliga etablierte sich eine bundesweite Leistungsspitze.
Gleichzeitig zeigen unsere Mister-Futsal-Entwicklungsberichte eine andere Entwicklung an der Basis. 2020 erreichte der organisierte deutsche Futsal nach unserer korrigierten Datenreihe ungefähr 180 Teams in 151 Vereinen. 2024 waren es 107 Teams in 84 Vereinen, 2026 mit 115 Teams in 95 Vereinen erstmals wieder etwas mehr.
Vom statistischen Höhepunkt bis zum Tiefpunkt verschwanden damit rund 40 Prozent der Mannschaften. Natürlich haben Nationalmannschaft und Bundesliga diesen Rückgang nicht verursacht. Corona, Hallenproblematik, regionale Verbandsstrukturen, ehrenamtliche Ressourcen und weitere Faktoren liegen dazwischen.
Aber ein automatischer Mitnahmeeffekt der Professionalisierung an der Spitze ist in diesen Bestandsdaten ebenfalls nicht erkennbar.
Der deutsche Futsal konnte gleichzeitig an der Spitze besser und strukturell kleiner werden, oder:
Spitzensportentwicklung ist nicht automatisch Sportartenentwicklung.
Niederlande und England: Zwei Warnsignale
Auch international finden sich Beispiele dafür: Die Niederlande verfügen über eine wesentlich ältere Futsaltradition als Deutschland. Trotzdem musste der KNVB seine Futsalpyramide neu ordnen. Mehrere Mannschaften hatten sich aus Eredivisie und Eerste Divisie zurückgezogen, frei gewordene Plätze wurden mit niedriger platzierten Vereinen besetzt und die Leistungsunterschiede nahmen zu. Der KNVB verkleinert deshalb die Eredivisie und reformiert den Unterbau – ausdrücklich auch, um wieder eine Basis für weiteres Wachstum zu schaffen.
Das zeigt:
Eine etablierte Spitze garantiert keine stabile Pyramide darunter.
England liefert einen anderen Fall: 2020 stellte die Football Association unter dem finanziellen Druck der Corona-Pandemie die Finanzierung ihrer Elite-Futsalnationalteams ein und reduzierte zugleich die Grassroots-Förderung erheblich. Die FA erklärte, ihre »core functions« und »key priorities« schützen zu müssen – darunter die englischen Männer- und Frauen-Fußballnationalmannschaften. Zugleich beschrieb sie Futsal weiterhin als Möglichkeit, Fußballspieler und deren fußballerische Fähigkeiten zu entwickeln.
Empirisch können wir zunächst nur feststellen: Unter Ressourcenknappheit wurde Fußball gegenüber Futsal priorisiert und Futsal zugleich funktional auf seinen Nutzen für Fußball reduziert.
Aber genau das führt zu einer interessanten Frage:
Was sieht eigentlich ein Fußballverband, wenn er Futsal betrachtet?
Die Leuchtturmbauer und ihr Habitus
Nationalverbände sind keine neutralen Maschinen. In ihnen entscheiden Menschen mit Biografien, Sozialisationserfahrungen und sportlichen Karrieren. Mit Pierre Bourdieu gesprochen: Sie verfügen über einen Habitus.
Der Habitus bezeichnet vereinfacht relativ dauerhafte Wahrnehmungs-, Bewertungs- und Handlungsschemata. Er beeinflusst, was wir wahrnehmen, wie wir es bewerten und welche Handlungen uns selbstverständlich erscheinen.
Das bedeutet nicht, dass wir anhand der englischen Entscheidung empirisch einen bestimmten Habitus einzelner Funktionäre nachweisen könnten. Wir können nicht in ihre Köpfe schauen. Aber als theoretische Interpretation lässt sich fragen, ob darin ein fußballzentrierter institutioneller Habitus sichtbar wird, durch den Futsal nicht primär aus seiner eigenen Logik, sondern durch die Wahrnehmungskategorien des dominierenden Fußballs betrachtet wird:
- Ein Fußballfunktionär erkennt im Futsal vielleicht vor allem die Halle, fünf gegen fünf, Techniktraining und Talentförderung für Fußball.
- Ein Futsalfunktionär sieht im Futsal dagegen eine eigenständige Sportart mit eigener Kultur, Taktik, Trainingswissenschaft, Trainern, Athleten und Geschichte.
Beide betrachten dasselbe Spiel, aber sie sehen nicht dieselbe Wirklichkeit.
Die Leuchtturmwärter und ihre freiwillige Knechtschaft
Vielleicht gibt es deshalb nicht nur Leuchtturmbauer, sondern auch Leuchtturmwärter: Menschen, die darüber entscheiden, wo Ressourcen eingesetzt werden, welche Wettbewerbe wichtig sind, welche Kennzahlen Erfolg darstellen und welche Probleme überhaupt auf die Tagesordnung gelangen.
Ihr Habitus beeinflusst möglicherweise nicht nur, wie viel Licht wohin fällt, sondern bereits, welche Küsten sie wahrnehmen und was sie überhaupt als erhaltenswerten Hafen erkennen.
Étienne de La Boétie stellte bereits im 16. Jahrhundert in seinem Diskurs über die freiwillige Knechtschaft die Frage, wie sich Herrschaft stabilisieren kann, obwohl die Beherrschten den Herrschenden zahlenmäßig weit überlegen sind. Eine seiner Antworten liegt in der Gewohnheit: Menschen können sich an bestehende Ordnungen gewöhnen, sie weitertragen und irgendwann als selbstverständlich erleben.
Natürlich wäre es absurd, politische Tyrannei mit einem modernen Sportverband gleichzusetzen. La Boétie dient hier ausschließlich als philosophische Denkfigur über Gewöhnung und die freiwillige Reproduktion bestehender Ordnungen.
Und damit entsteht eine unbequeme Frage:
Was, wenn das System nicht nur deshalb fortbesteht, weil Leuchtturmwärter es so organisieren – sondern weil wir alle gelernt haben, Futsalentwicklung genau so zu denken?
- Nationalmannschaft = Fortschritt.
- Bundesliga = Fortschritt.
- Mehr Länderspiele = Fortschritt.
- Ein besseres FIFA-Ranking = Fortschritt.
Bis wir irgendwann vergessen das Wichtigste zu fragen:
Ist dadurch eigentlich mehr Futsal entstanden?
Vereine feiern Nationalmannschaftsberufungen, Verbände internationale Ergebnisse, Spieler wechseln dorthin, wo bereits die größten Ressourcen liegen, und Medien berichten bevorzugt über Bundesliga und Nationalmannschaft. Jede einzelne Entscheidung ist nachvollziehbar. In ihrer Summe können sie aber genau jene Ordnung reproduzieren, die wir anschließend kritisieren.
Oder mit unserer Metapher:
Vielleicht entscheiden die Leuchtturmwärter darüber, wohin das Licht fällt – aber wir alle tragen jeden Tag ein wenig Öl nach oben, damit es weiter leuchten kann.
Futsalentwicklung verstehen über Merton, Bourdieu und La Boétie
Damit lässt sich die theoretische Argumentation des Artikels auf drei Gedanken verdichten:
Merton erklärt die Akkumulation. Bourdieu erklärt die Wahrnehmung und Bewertung. La Boétie erklärt die Gewöhnung und Reproduktion.
Das Matthäus-Prinzip erklärt, warum vorhandene Vorteile weitere Vorteile erzeugen können. Der Habitus hilft zu verstehen, warum bestimmte Formen des Erfolgs besonders wertvoll erscheinen. Und La Boétie lenkt den Blick darauf, weshalb eine etablierte Ordnung auch von Menschen weitergetragen werden kann, die von ihr nur teilweise profitieren.
Bourdieu bietet dafür noch zwei weitere Begriffe. Distinktion verweist darauf, dass soziale Felder unterscheiden und hierarchisieren: Eine Nationalmannschaft, Champions League oder Bundesliga besitzen mehr institutionelles Prestige als eine neue Verbandsliga, eine Jugendmannschaft oder ein ehrenamtlicher Trainer. Der Leuchtturm verfügt über symbolisches Kapital, der Hafen über Alltag.
Mit der Illusio lässt sich zugleich verstehen, warum diese Hierarchie innerhalb eines Verbandssystems rational erscheinen kann. Wer qualifiziert sich für die EURO? Wer verbessert sein Ranking? Wer erfüllt internationale Standards? Eine zusätzliche regionale Mannschaft verändert keine UEFA-Rangliste. Ein gewonnenes Länderspiel schon.
So entsteht ein strukturelles Problem:
Die Menschen, die über die Entwicklung der Basis entscheiden, werden institutionell häufig an der Entwicklung der Spitze gemessen.
Aber stimmt unsere These international überhaupt?
Eine gute These muss Gegenbeispiele aushalten. Wenn unsere These lautete, Futsal wachse international nicht, wäre sie schlicht falsch. Die UEFA dokumentiert eine deutliche internationale Expansion – und einzelne Länder zeigen sogar, dass Leuchtturm und Häfen gleichzeitig wachsen können.
Portugal meldete Anfang 2025 43.704 registrierte Futsalspieler, 8,8 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Das Wachstum findet also in einem Land statt, das zugleich einen der hellsten Futsal-Leuchttürme der Welt besitzt.
Noch interessanter ist Frankreich: Die Fédération Française de Football wies 2023 mehr als 38.000 registrierte Futsalspieler, ein Wachstum von 14 Prozent, sowie 1.582 Vereine beziehungsweise Sektionen aus. Gleichzeitig stellte die FFF für ihren Entwicklungsplan 2022 bis 2025 insgesamt 18,4 Millionen Euro bereit – nicht nur für Spitzensport, sondern ebenso für Ausbildung, regionale Verbreitung, Wettbewerbe, Nachwuchs, Schule, Frauenfutsal, Vereinsentwicklung und Infrastruktur.
Frankreich liefert damit vielleicht die wichtigste Gegenprobe:
Dort wird nicht nur der Leuchtturm heller gemacht. Es werden gleichzeitig Häfen gebaut.
Portugal und Frankreich widerlegen deshalb eine einfache Niedergangsthese, aber nicht unsere Metapher. Im Gegenteil, sie schärfen sie:
Nicht die hellen Leuchttürme lassen die Häfen schwinden. Problematisch wird die Entkopplung von Leuchtturm- und Hafenbau.
Die entscheidende Frage lautet deshalb:
Was wächst mit der Spitze mit?
Spanien: Vielleicht haben wir die Kausalität verwechselt
Auch Spanien hilft, die Perspektive zu verändern. Das Land besitzt Weltklassespieler, Spitzenvereine und eine international erfolgreiche Nationalmannschaft. Unter diesen Leuchttürmen existiert aber seit Jahrzehnten eine breite Futsalkultur mit regionalen Wettbewerben und altersgestuften Strukturen. Allein Katalonien kam in der Saison 2023/24 nach den RFEF-Daten auf 31.906 registrierte Futsalspieler, Andalusien auf 17.350 und Galicien auf 15.508.
Vielleicht erzählen wir die Kausalität deshalb häufig falsch. Nicht nur:
Weil Spanien eine erfolgreiche Nationalmannschaft besitzt, lebt dort Futsal.
Sondern möglicherweise viel grundlegender:
Weil Spanien über eine breite Futsalkultur verfügt, kann es dauerhaft erfolgreiche Nationalmannschaften und Spitzenvereine hervorbringen.
Die Spitze produziert dann nicht primär die Basis. Die Basis reproduziert die Spitze.
Das Matthäus-Prinzip zwischen und innerhalb von Ländern
Portugal, Spanien und zunehmend Frankreich besitzen im Futsal bereits ausgeprägte Spieler-, Trainer-, Vereins-, Wettbewerbs- und Infrastrukturstrukturen. Eine zusätzliche Investition trifft dort auf ein vergleichsweise funktionierendes System. In einem strukturell schwächer entwickelten Futsalsystem wie dem deutschen trifft derselbe Euro vielerorts auf deutlich dünnere Strukturen.
Das Matthäus-Prinzip wirkt zudem innerhalb der Länder. Starke Regionen ziehen Spieler an, starke Vereine Talente. Nationalspieler wechseln zu Spitzenvereinen, die dadurch noch stärker werden können. Schwächere Vereine verlieren Qualität und möglicherweise auch Attraktivität.
Ein System kann dadurch vorhandene Qualität hervorragend konzentrieren, ohne im gleichen Umfang neue Qualität zu produzieren.
Konzentration vorhandener Qualität ist nicht dasselbe wie Produktion neuer Qualität.
Hier hilft ein Gedanke des Soziologen Aladin El-Mafaalani: Chancen können sich für alle verbessern, ohne dass Ungleichheit kleiner wird. Wenn sich beispielsweise alle Einkommen verdoppeln, haben alle mehr – zugleich wächst der absolute Abstand.
Vielleicht geschieht international etwas Ähnliches. Futsal wächst insgesamt: mehr Nationalteams, Wettbewerbe, Zuschauer und mediale Reichweite. Trotzdem können die Unterschiede innerhalb dieses Wachstums größer werden.
Die interessante Frage lautet dann nicht mehr:
Wächst Futsal?
Sondern:
Wo wächst Futsal – und wer profitiert von diesem Wachstum?
Vom Trickle-down zum Matthäus-Effekt
Im Spitzensport steckt häufig eine implizierte Trickle-down-Hoffnung: Wir investieren oben, Erfolg erzeugt Sichtbarkeit und Begeisterung, und irgendwann sickert die Entwicklung nach unten.
Aber möglicherweise akkumulieren Ressourcen unter bestimmten Bedingungen stattdessen oben. Der erfolgreiche Verein benötigt mehr Geld für internationale Wettbewerbe, die konkurrenzfähigere Nationalmannschaft mehr Lehrgänge und die professionalisierte Liga weitere Ressourcen, um ihre Standards weiterzuentwickeln.
Jeder Entwicklungsschritt an der Spitze erzeugt dort den Bedarf nach dem nächsten.
Je heller der Leuchtturm wird, desto mehr Energie benötigt der Leuchtturm.
Deshalb sollten wir bei jeder größeren Futsalentscheidung zwei Fragen gleichzeitig stellen:
Was verbessert diese Entscheidung an der Spitze – und was produziert sie an der Basis?
Bei einer Nationalmannschaft wäre also nicht nur ihre Wettbewerbsfähigkeit interessant, sondern auch, ob in ihrem Umfeld neue Spieler und Angebote entstehen. Bei einer Bundesliga wäre zu fragen, ob regionale Strukturen und Vereine mitwachsen. Bei einer Trainerlizenz, wie viele Menschen anschließend tatsächlich besser Futsal vermitteln können.
Das wäre eine andere Logik von Sportentwicklung.
Wir brauchen keine schwächeren Leuchttürme
Die Lösung lautet ausdrücklich nicht: weniger Nationalmannschaft, weniger Bundesliga oder weniger Professionalisierung. Wir brauchen starke Leuchttürme. Spitzensport kann Identifikation, Qualität, Wissen, Inspiration und Sichtbarkeit schaffen.
Aber:
Wir dürfen Leuchtturmbau nicht länger mit Hafenbau verwechseln.
Portugal zeigt, dass beides wachsen kann. Frankreich versucht, Spitze und strukturelle Entwicklung systematisch miteinander zu verbinden. Spanien verdeutlicht die Bedeutung einer gewachsenen Futsalkultur. Die Niederlande zeigen, dass selbst Tradition den Unterbau nicht automatisch schützt. Und England führt vor Augen, was geschehen kann, wenn Futsal im institutionellen Prioritätensystem hinter Fußball zurücktritt.
Die Frage lautet also nicht:
Leuchtturm oder Hafen?
Sondern:
Wie bauen wir beides zusammen?
Vielleicht brauchen wir einen anderen Blick
Damit endet die Analyse nicht beim Geld, sondern bei unserer Wahrnehmung.
Bevor Ressourcen verteilt werden, wird Wirklichkeit bewertet. Bevor entschieden wird, wird wahrgenommen. Und bevor etwas als Problem gilt, muss es überhaupt als Problem gesehen werden.
Vielleicht müssen Entscheidungsträger Futsal deshalb stärker als soziales Ökosystem betrachten: vom Jugendlichen bis zum Nationalspieler, vom ehrenamtlichen Trainer bis zum Nationaltrainer, von der Verbandsliga bis zur Bundesliga und Champions League.
La Boétie zwingt uns aber gleichzeitig dazu, nicht nur auf die Verbände zu zeigen. Auch Vereine, Trainer, Spieler, Medien und Fans reproduzieren Vorstellungen davon, was im Futsal wichtig ist.
Und damit auch wir bei Mister Futsal.
Mister Futsal zwischen Häfen und Leuchttürmen
Wir bei Mister Futsal verstehen uns nicht als neutrale Beobachter, sondern als lebendigen Teil der deutschen Futsalkultur. Auch wir entscheiden durch unsere Arbeit darüber, was Aufmerksamkeit erhält und damit sichtbar und bedeutsam wird.
Genau deshalb ist schon die Dramaturgie unseres wöchentlichen »2mal20netto-Podcasts« eine bewusste Entscheidung:
- Das erste und damit wichtigste Thema jeder Folge ist das Feedback aus unserer Community.
- Erst danach folgen internationale und nationale News sowie unsere sportlichen, gesellschaftlichen, wissenschaftlichen, politischen, ökonomischen oder philosophischen Vertiefungsthemen.
- Anschließend schauen wir auf den deutschen Spielbetrieb – bewusst von unten nach oben. Wir beginnen bei den Verbands- und Regionalligen und arbeiten uns durch die Futsalpyramide.
Die Bundesliga kommt am Ende. Nicht weil sie unwichtig wäre, sondern weil wir uns weigern, Bedeutung automatisch mit Hierarchie gleichzusetzen.
Wenn Aufmerksamkeit symbolisches Kapital erzeugt,
dann ist auch die Reihenfolge unserer Aufmerksamkeit eine Entscheidung.
Und wir wollen über die Häfen nicht nur sprechen. Wir wollen dort sein. Deshalb machen wir nicht nur den Podcast und veröffentlichen Artikel wie diesen, sondern streamen live aus der Regionalliga in Wuppertal, übertragen Vorbereitungsturniere wie den Seleção Cup und berichtet ebenso aus der Bundesliga in Köln.
Unsere Logik lautet nicht:
Basis statt Spitze.
Sondern:
Basis und Spitze. Häfen und Leuchttürme.
Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass wir einen Hafen nicht erst dann interessant finden wollen, wenn ein Leuchtturm mit seinem Licht auf ihn hinweist.
Die Basis verdient keine Aufmerksamkeit, weil aus ihr vielleicht irgendwann Spitzensport entsteht. Sie verdient Aufmerksamkeit, weil sie Futsal ist.
Und mehr noch: Wenn wir die Entwicklung in Spanien, Portugal und zunehmend auch Frankreich betrachten, dann spricht vieles dafür, die Basis nicht als nachgeordneten Teil der Sportentwicklung zu behandeln, sondern ihr Priorität einzuräumen. Nicht, weil die Spitze unwichtig wäre, sondern weil eine breite und funktionierende Basis überhaupt erst die soziale, sportliche und kulturelle Voraussetzung dafür schafft, dass Futsal dauerhaft leben kann. Spanien zeigt besonders eindrücklich, dass eine über Jahrzehnte gewachsene Futsalkultur immer wieder neue Spieler, Trainer, Vereine und letztlich auch Spitzensport hervorbringen kann. Portugal zeigt, dass eine international herausragende Spitze mit einer wachsenden Zahl an Futsalspielenden verbunden sein kann. Und Frankreich versucht gerade, den Ausbau seiner Leistungsspitze systematisch mit Vereinsentwicklung, Nachwuchs, Ausbildung, regionaler Verbreitung und Infrastruktur zu verbinden.
Vielleicht müssen wir deshalb noch grundsätzlicher zwischen dem Überleben einer Sportart und ihrem Leben unterscheiden.
Eine Sportart kann institutionell überleben, solange es eine Nationalmannschaft gibt, eine höchste Liga ausgespielt wird, eine Handvoll leistungsfähige Vereine existieren und ein Verband die notwendigen Wettbewerbsstrukturen organisiert. Auf dem Papier ist sie dann vorhanden. Sie besitzt Ergebnisse, Tabellen, Nationalspieler und vielleicht sogar internationale Erfolge.
Aber eine Sportart lebt erst dort, wo sie sich selbst immer wieder hervorbringen kann: wo neue Menschen beginnen, sie zu spielen; wo Mannschaften entstehen, statt nur zu verschwinden; wo Trainer ausgebildet werden und anschließend tatsächlich Teams finden; wo Kinder und Jugendliche Zugang erhalten; wo regionale Wettbewerbe genügend Teilnehmer besitzen; wo Vereine nicht permanent um Hallenzeiten und ihre bloße Existenz kämpfen müssen:
Das ist der entscheidende Unterschied zwischen Existenz und Lebendigkeit.
Und vielleicht beschreibt genau dieser Unterschied den Zustand des Futsals in vielen Ländern präziser als jede FIFA-Rangliste:
Der Futsal hat vielerorts zum Sterben zu viel – und zum Leben zu wenig.
Zu viel, um tatsächlich zu verschwinden: Nationalmannschaften, engagierte Vereine, Funktionäre, Trainer, Spieler, Wettbewerbe, Geschichte, Wissen und Leidenschaft. Aber zugleich zu wenig Breite, Infrastruktur, Nachwuchs, regionale Dichte und alltägliche Selbstverständlichkeit, um sich dauerhaft aus sich selbst heraus zu reproduzieren.
Dann kämpft eine Sportart nicht mehr um Entwicklung, sondern immer wieder um ihre eigene Reproduktion. Ihre Energie fließt nicht primär in Wachstum, sondern in Bestandserhaltung. Mannschaften werden nicht gegründet, um eine Pyramide zu erweitern, sondern gesucht, damit eine Liga überhaupt stattfinden kann. Trainer werden nicht benötigt, weil immer neue Teams entstehen, sondern dieselben wenigen Engagierten halten mehrere Strukturen gleichzeitig am Leben. Jeder Verlust einer Hallenzeit, eines Vereins oder eines Ehrenamtlichen wird existenziell, weil die Basis zu dünn geworden ist.
Genau deshalb verdienen die Häfen Priorität und nicht die Leuchttürme:
Damit es überhaupt eine Küste gibt, an der Leuchttürme dauerhaft einen Sinn besitzen.
Denn ein Leuchtturm kann weithin sichtbar sein. Er kann heller werden, höher werden und technisch immer perfekter funktionieren. Aber ohne Häfen, ohne Schiffe und ohne Menschen, die diese Küste tatsächlich nutzen, wird sein Licht irgendwann zu einem paradoxen Symbol:
Ein heller Leuchtturm beweist, dass an der Spitze Licht brennt. Er sagt aber noch nichts darüber aus, wie viel Leben sich an seiner Küste befindet.
Wenn wir kritisieren, dass Aufmerksamkeit und symbolisches Kapital immer wieder nach oben wandern, dürfen wir als Futsalmedium deshalb nicht dieselbe Logik reproduzieren. Unsere Aufgabe besteht nicht nur darin, Futsalkultur zu beobachten, zu kommentieren und zu kritisieren, sondern selbst ein kleines Stück jener Kultur herzustellen, die wir uns wünschen.
Wir wollen nicht nur messen, wie hell die Leuchttürme leuchten. Wir wollen mithelfen, dass die Häfen sichtbar bleiben – und neue entstehen.
Konklusion: Das Licht ist nicht das Problem
Das Problem ist nicht, dass die Leuchttürme immer heller werden. Das sollen sie. Problematisch wird es dort, wo wir ihre Helligkeit mit der Gesundheit der gesamten Küste verwechseln. Eine Nationalmannschaft kann erfolgreicher werden, während Vereine verschwinden. Eine Bundesliga kann professionelle Spitzenteams entwickeln, während ihre strukturelle Basis schrumpft. Eine Sportart kann international sichtbarer werden, ohne für den einzelnen Menschen leichter zugänglich zu sein.
Deshalb sollten wir nicht nur das Licht messen.
Wir sollten anfangen, die Häfen zu zählen, sie sichtbar zu machen, in sie zu investieren und neue Häfen zu bauen.
Das Matthäus-Prinzip ist dabei kein Naturgesetz des Futsals. Es beschreibt einen Mechanismus, durch den vorhandene Vorteile weitere Vorteile erzeugen können. Und genau deshalb können wir diesem Mechanismus auch entgegenwirken.
Vielleicht lässt sich die Reise dieses Artikels deshalb wie folgt abschließen:
Die Zukunft des Futsals entscheidet sich nicht allein in den Büros der Verbände und nicht allein auf dem Parkett seiner Nationalmannschaften. Sie entscheidet sich darin, welches Verständnis von Entwicklung wir alle täglich reproduzieren.
Denn am Ende entscheidet sich die Zukunft des Futsals nicht daran, wie hell seine Spitze leuchtet, sondern daran, wie viele Menschen an seiner Küste einen Ort finden, an dem sie anlegen können.