Aufgelöst: 12 Mythen über Futsal

Autor: Futsal-Economist

Da sich in Deutschland die Gemeinschaft der Futsalenthusiasten ständig vergrößert, entstehen teilweise immer mehr Unklarheiten hinsichtlich der Geschichte, Regeln oder Taktik. Gerade durch viele unreflektierte Verlinkungen in sozialen Netzwerken entstehen so vermehrt Mythen rund um den Futsal.  Dabei gibt es einige allgemeine Mythen, welche besonders außerhalb der Futsalgemeinde existieren, aber auch einige Fehlvorstellungen im Detail die bei vielen Futsalspielern präsent sind.

  1. Grätschverbot

Seit Jahren hält sich in Deutschland das Gerücht, dass Grätschen komplett verboten sind. Schon immer waren nur Grätschen in den Mann tabu. Vor 2 Jahren hat die FIFA die Formulierungen konkretisiert. Nur bei einer Gefahr für den Spieler ist die Aktion mit einem Foul zu ahnden. Die Grätsche von hinten bleibt somit verboten. Grätschen vor den Mann oder mit geringer Gefahr und mit Ballkontakt sind möglich.

  1. Der Ball ist platt

Der Ball wirkt zunächst platt, da der Druck geringer als bei einem Fußball ist. Jedoch ist der Futsalball ungefähr gleich schwer wie ein Fußball. Er ist aber eben sprungreduziert. Platt ist er daher nicht.

  1. Futsal ist körperloser Fußball

Warum und wie dieses Gerücht entstanden ist, kann gar nicht mehr nachvollziehbar geklärt werden. Fakt ist, dass es aufgrund der geringeren Spielfeldausmaße viel häufiger als beim Fußball zu Berührungen und Körpereinsatz zwischen den Spielern kommt. Die Anforderrungen an die Körperspannkraft zum Ballabschirmen ist somit deutlich höher. Ferner sind beim Futsal Blockaktionen die Regel – auch diese Interaktion zwischen Spielern gibt es im Fußball seltener, da eher der freie Raum angelaufen wird, als den direkten Kontakt mit dem Verteidiger zu suchen. Von körperlos kann daher nicht die Rede sein.

  1. Futsal besteht nur aus Tricks

Für viele gerät der Futsal gerade durch spektakuläre Tricks von Falcao und Ricardinho ins Gespräch. Da gerade diese Videos sich schnell viral im Netz verbreiten, entsteht wohl bei vielen Neuanfängern die Meinung, dass es viel trickreicher als Fußball ist. Jedoch besteht das Spiel mehr aus Passstafetten und harter taktischer Defensivarbeit. Die bekannten Tricks sind oft nur notwendig, wenn mit gezielten Rotationen und Spielzügen dem Gegner nicht beizukommen ist. Die Tricks werden auch oft konkret für den direkten Torabschluss eingesetzt. Das lockere „Ballgetrickse“ an der Mittellinie ist eher selten.

  1. Futsal ist die am schnellsten wachsende Sportart weltweit

Unbestritten ist Futsal eine wachsende Sportart, auch weltweit. Doch ist es auch die vermeintlich am schnellwachsenste? Die Beantwortung der Frage ist sehr komplex und kann vielleicht überhaupt nicht beantwortet werden. Alleine die Definition von „Sportausübung“ ist schwierig: zählen alle die den Sport in irgendeiner Weise ausüben, nur die angemeldeten Mitglieder in Vereinen oder sogar nur Teilnehmer an organisierten Wettkämpfen? Für viele Sportarten liegen derartige Zahlen weltweit nicht vor. Was wir jedoch vergleichen können ist die mediale Aufmerksamkeit und das Suchverhalten von Individuen. Schauen wir uns zum Beispiel die Google-Trends an (siehe Grafik). Zu sehen sind verschiedene Sportarten mit ähnlich steigendem Interesse. Futsal scheint dabei ähnliche Wachstumsraten vorzuweisen wie Mixed Martial Arts oder Floorball. Deutlich steiler ist der Anstieg jedoch für zwei andere Sportarten: Standup Paddling und Crossfit. Diese Sportarten scheinen derzeit sehr viele neue Interessenten anzulocken. Futsal ist somit eine wachsende, jedoch nicht die am stärksten wachsende Sportart weltweit. In Anbetracht der sich öffnenden Märkte in Asien ist sogar anzunehmen, dass im organisierten Sportbereich weiterhin Fußball am meisten wächst.

futsaltrend

  1. In Südamerika lernen alle Kinder vor der Fußballausbildung Futsal

Sehr oft wird die Fußballausbildung in Südamerika mit Futsal in Verbindung gebracht. Bis vor 10-20 Jahren war dies auch der Fall, da es keine flächendeckenden Leistungszentren und Scouting-Aktivitäten im Fußball gab. Viele Kinder fingen somit auf dem Futsalfeld an. Aufgrund der steigender Nachfrage nach Fußballtalenten aus Brasilien und Südamerika, wurde es in den letzten Jahren jedoch immer attraktiver, Straßenspieler früh an Vereine zu binden. Selbst in den Favelas boomen Fußballschulen. Heute werden in Südamerika und gerade in Brasilien, viele Kinder im selben Alter wie in Deutschland an Fußballschulen und Ausbildungszentren gebunden. Viele haben somit weniger Berührungspunkte zum Futsal. (Vielleicht erklärt diese Entwicklung auch die schwache Performance von Brasilien in den letzten fünf Jahren?!)

  1. Futsal = Futebol de Salao

250px-AMF_(Logo)Der Name Futsal wurde aus dem portugiesischen Begriff Futebol de Salao bzw. dem spanischen Ausdruck Futbol sala abgeleitet. Grundsätzlich verwendet man die Begriffe daher synonym. Was viele hierzulande jedoch nicht wissen: in Brasilien und einigen anderen Ländern existiert Futebol de Salao weiterhin neben dem Futsal. Die Regel sind ein wenig anders, was jedoch großen Einfluss auf den Spielfluss hat (z.B. Auswechslung nur wenn Spiel unterbrochen, keine 2 Minutenstrafe bei roter Karte, Einwurf statt Einkick). Somit ist die FIFA für Futsal zuständig und die FIFUSA für Futebol de Salao (seit 1971). 2002 ging die FIFUSA jedoch in der AMF (Associação Mundial de Futsal) auf. Seither gibt es weiterhin Wettbewerbe des klassischen Futebol de Salao. Es wäre so, als wenn der klassische deutsche Hallenfußball einfach unter dem Dach eines eigenen Verbandes weiterlebt. Auf portugiesisch gibt es hier eine Übersicht über die unterschiedlichen Regeln von Futsal und Futebol de Salao nach AMF: https://pt.wikipedia.org/wiki/Compara%C3%A7%C3%A3o_entre_futebol_de_sal%C3%A3o_e_futsal

  1. 10m Strafstoß

Viele Spieler und auch Schiedsrichter sprechen ab dem 5. Foul von einem 10m-Strafstoß. Entsprechend den Regeln ist es jedoch ein Freistoß ohne Mauer. Dies hat auch Auswirkungen auf die unterschiedliche Ausführung eines 6m und eines 10m. Wichtigster Unterschied ist der Ausführpunkt. Während ein 6m immer an der 6m Linie ausgeführt wird, kann ein 10m auch dort ausgeführt werden, wo das Foulspiel stattfand. Sollte also das Foul 7m vor dem Strafraum begangen worden sein, hat der gefoulte Spieler die Wahl des Freistoßpunktes: auf der 10m Markierung oder am Ort des Foulspiels.

  1. 5m Markierung Torwart

Im Falle eines 10m Freistoßes darf der Torwart bis zur 5m Linie vortreten (denn bei Freistößen ist grundsätzlich ein Abstand von 5m einzuhalten). Viele Torhüter in Deutschland richten sich somit nach den in deutschen Sporthallen festgelegten Markierungen innerhalb des Strafraumes. Dabei handelt es sich jedoch um die 4m aus dem Handball. Der Torwart kann als noch 1m weiter „rauskommen“.

  1. Futsal hat ein geringeres Verletzungsrisiko als Feldfußball

Einige Förderer des Futsalsports argumentieren gerne mit der geringeren Verletzungsanfälligkeit. Dies mag im Vergleich zum klassischen deutschen Hallenfußball mit Bande und Kunstrasen gelten, es gilt jedoch nicht im Vergleich zum Fußball. Es gibt letztlich nur Hinweise auf geringere Verletzungen durch Spielerkontakt bzw. Foulspiel.  Grundsätzlich sind die Verletzungen im Spiel und Training ohne Gegnereinwirkung ähnlich: “While the location and diagnosis of injuries were similar in the two types of football, fewer injuries in futsal than in football were caused by contact with another player and by foul play” (Junge & Dvorak, 2010). Beiden Disziplinen sind dementsprechend ähnlich in ihrem Verletzungsrisiko, wobei die Körperstellen unterschiedlich sind (Hespen et al., 2011).

  1. Futsal fördert fußballerische technische Fähigkeiten für Senioren

Relativ sicher ist, dass Futsal die Handlungs- und Entscheidungsschnelligkeit von Fußballspielern und insbesondere jungen Fußballspielern fördert (Heim et al., 2007). Jedoch verlangt ein ansprechendes Futsalspiel, die Erlernung und Aneignung von futsalspezifischen Techniken wie Sohleannhahme, seitliches Anlaufen des Gegners, Pike. Alle Elemente sind auch im Fußball vorhanden, jedoch nur in ganz speziellen Situationen. Im Futsal sind diese Techniken jedoch Hauptbestandteil. Ein Spieler der sich also Futsaltechniken anlernt, verbessert sich nicht zwangsläufig in Fußballtechniken. Torwarttechniken sind sowieso grundlegend verschieden.

  1. Das Klären ins Seitenaus ist der Klärung zur Ecke vorzuziehen

Aus dem Fußball kennen wir: „In der Not, Ball in Seitenaus anstatt zur Ecke“. Diese Handlungsanweisung scheint auch noch bei vielen Futsalern im Kopf zu stecken. Im Futsal kann jedoch ein Einkick durchaus gefährlicher sein, da der Winkel um Tor günstiger ist – der zweite Pfosten kann über einen Einkick besser angespielt werden, als über eine Ecke. Im Fußball resultiert der Unterschied aus den unterschiedlichen Ausführungsarten. Während eine Ecke bis in den Strafraum geschlagen werden kann, kommt ein guter Einwerfer selten bis zum Strafraum. Im Futsal unterliegt der Einkick keinen anderen Regularien als die Ecke. Eckevarianten können bei einem Einkick ähnlich ausgeführt werden. Ein Einkick aus 1-2m von der Grundlinie ist als potenziell gefährlicher als eine Ecke einzuschätzen, welche nur im 90 Grad ausgeführt werden kenn (Einkick 180 Grad). Dadurch entstehen mehr Optionen welche die Verteidigung des Einkicks erschweren.

Welche weiteren Mythen kennt Ihr?

Heim, C., Frick, U., & Prohl, R. (2007). Futsal in der Schule – eine Chance für den Fußball? Institut für

Sportwissenschaften, J. W. Goethe-Universität Frankfurt am Main.Junge, A., & Dvorak, J. (2010). Injury risk of playing football in Futsal World Cups. British journal of sports medicine, bjsports76752.

Van Hespen, A., Stege, J. P., & Stubbe, J. H. (2011). Soccer and futsal injuries in the netherlands. British journal of sports medicine, 45(4), 330-330.

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