Die Futsal-Nationalmannschaft ist da! Und nun? Ein Kommentar

Futsal Economist. Es knistert und raschelt in Futsal-Deutschland. Als perfekte Motivation für den Futsal-Länderpokal im Januar hat der DFB am Freitag offiziell die Gründung einer Futsal-Nationalmannschaft für das kommende Jahr verkündet. Wie lange haben wir alle auf diesen Schritt gewartet. Bereits ab Januar 2017 soll die „National-Fünf“ in die Qualifikation zur Futsal-EM starten. Im April soll das erste Freundschaftsspiel ausgetragen werden – ein Gegner steht leider noch nicht fest. Wir warten gespannt und freuen uns schon jetzt auf die ersten offiziellen Tickets!

Der DFB erfüllt mit dieser Ankündigung den Futsal-Anhänger in Deutschland einen jahrelangen Herzenswunsch. Alleine, da die Gründung der Nationalmannschaft ein wichtiges Signal für die steigende Anerkennung der Disziplin und eine „Entlohnung“ der Arbeit der Verbände mit aktiven Futsal-Ligasystemen ist.

Auch für den Futsal-Länderpokal als Sichtungsinstrument des DFB ist es ein Segen. Ohne diesen Schritt wurde an einigen Ecken schon die Relevanz des Turniers in Frage gestellt, da auch die letzten Sichtungslehrgänge ohne weitere Ergebnisse blieben. Aus diesem Grund wird der Futsal-Länderpokal im Januar hochmotivierend für die Spieler sein, denn jeder möchte diese historische Chance für die erste Nationalmannschaft nutzen. Der Futsal-Länderpokal wird in Folge der DFB-Entscheidung sogar einmalig zweimal 2016 ausgetragen. Im Dezember findet bereits das Sichtungsturnier 2017 statt, da die Futsal-Nationalmannschaft bereits in Januar in die Qualifikation einsteigt. So recht ist diese Entscheidung nicht nachvollziehbar, da eventuelle Neu-Sichtungen nicht in einem Monat an das Team herangeführt werden können.

Soweit scheint mit der Futsal-Nationalmannschaft alles perfekt zu sein, wäre da nicht die eine entscheidende Zeile in der Presseverkündigung: es wird kein international erfahrener Trainer das Trainerteam unterstützen. Das abermalige Ausscheiden der Hamburg Panthers (trotz enormen Vorbereitungsaufwand und individueller Qualität), hat uns erneut die internationalen Grenzen aufgezeigt. Andere Verbände haben sich mit internationaler Unterstützung weiterentwickelt, so dass der Abstand zu europäischen Teams in der Spitze, trotz Weiterentwicklung in der Breite in Deutschland, nur marginal gesunken ist.

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft vor dem Finale der FIFA

Wer wird das DFB-Futsaltrikot als erstes verteidigen dürfen?

Die Einstellung eines international erfahrenen Trainers hätte mehrere Vorteile. Zum einen kann nur ein Futsal-Erfahrener Trainer auch ein adäquates Scouting beim Futsal-Länderpokal leisten. Eine Sichtung unter fußballspezifischen Gesichtspunkten führt eventuell zur Vernachlässigung von wirklichen Futsal-Talenten. Während der Trainingseinheiten und der Spiele sind internationale Techniken und Taktiken von Nöten – Zeit für den Aufbau dieser Eigenschaften innerhalb eines Jahres erscheint ineffizient und unrealistisch. Gerade außerhalb Arbeit mit der Senioren-Nationalmannschaft könnte ein langfristig gebundener Coach die komplette Futsal-Ausrichtung als oberster Futsal-Koordinator in Deutschland gestalten. Die Gestaltung einer kompletten Futsal-Philosophie im Sinne der Ajax-Schule wäre weltweit ein einmaliges Projekt für Futsal-Trainer, weshalb sich sicherlich die besten internationalen Trainer für ein derartiges Engagement begeistern dürften. Alle internationalen Trainer die bisher in Deutschland Futsal-Seminare abhielten, haben am Rande immer Ihr Interesse an einem Amt als Nationaltrainer/Koordinator bekundet.

Es wäre wichtig, ähnlich den Fußball-Jugendmannschaften, eine grundlegende  Spiel, Technik- und Taktikausbildung und Philosophie zu entwickeln, welche von oben herab in den Verbänden und später in den Jugendmannschaften umgesetzt wird. Nur so kann der große Vorsprung zu anderen Verbänden vielleicht in den nächsten 5 Jahren deutlich verkleinert werden. Aktuell fehlt es an einheitlichen Spielerausbildungen sogar einem einheitlichen Vokabular. Offensichtlicher Weise kann die Erarbeitung einer derartigen ganzheitlichen Futsal-Philosophie nur von einem Trainerteam (besonders im Bereich Torhüter ist noch einiges aufzuholen) gestaltet werden, welches selber eine Futsal-Ausbildung im Jugendbereich absolviert und/oder trainiert hat, sowie langjährige Erfahrung im Seniorenbereich auf internationalem Top-Niveau hat. Aktuell gibt nationalweit keinen derartigen Kandidaten. Des Weiteren könnten junge Trainer, wie die bisherigen Co-Trainer Daniel Gerlach und Wendelin Kemper, in Zusammenarbeit mit einem derartigen Trainerteam einen eigenen Erfahrungsstand ausbauen, sodass wir in 5 bis 10 Jahren einen geeigneten Trainer aus dem eigenen „Nachwuchs“ stellen können.

Zusammengefasst ist zu sagen, dass wir einerseits froh sein dürfen, dass der Schritt zu einem DFB-Team getroffen wurde. Doch die eigentliche Arbeit beginnt erst jetzt. Notwendige Investitionen in eine langfristige und nachhaltige Trainings- und Ausbildungsphilosophie werden benötigt und die Verpflichtung eines international erfahrenen Trainerteams sollte als Option betrachtet werden.  Ohne eine einheitliche und nachhaltige Futsal-Philosophie, ausgehend von der Nationalmannschaft, könnte der Ausflug auf das internationale Packet zum einen große Enttäuschungen erzeugen und zudem der Impuls dieser einmaligen Entscheidung „verpuffen“. Es wäre schade und fahrlässig mit der Macht des DFB, ein derart einmaliges Projekt nicht international „auszuschreiben“.

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6 Kommentare

  1. Wichtig wäre das schon im Januar von einem Futsal Trainer gesichtet wird und nur Futsal Spieler ausgesucht werden die regelmäßig in einer spielstarken Liga aktiv sind.
    Auch sollten alle Regionalliga Trainer zu einem Trainer Lehrgang eingeladen werden in dem mehr vermittelt wird als in dem FIFA Lehrgang.
    Wissen muß dahin gebracht werden wo es umgesetzt werden kann und nicht an B lizenz Fussball sich orientiert.
    Ein Futsal Konzept wäre wichtig!

  2. Fred Michalsky · · Antwort

    Nicht alle deine Argumente kann ich nachvollziehen.
    Ich durfte die Hamburg Panthers auf ihrem Weg im UEF-Cup 2015 begleiten und konnte mir einen sehr guten Einblick in das internationale Futsalgeschäft verschaffen.
    Die Panthers haben sich mit einem erfahrenen Futsal-Trainer auf den UEFA Cup vorbereitet. Jos v. Geren konnte die Mannschaft taktisch und technisch nach vorne bringen. Die Landesauswahl Niedersachsen hat ebenfalls die Unterstützung durch einen internationalen Trainer genutzt. Das alleine ist aber nicht der Weg uns in Deutschland voranzubringen.
    Die Hauptrunde im UEFA Cup hat für ich folgende Erkenntnis gebracht: Nur wenn wir, wie die leistungsstarken Nationen im Futsal in Europa, professionell arbeiten wird es möglich sein die Spielleistung in Deutschland zu verbessern. Den Panthers fehlte in der Hauptrunde des UEFA-Cups die körperliche Fitness. Hier sind uns Nationen wie Italien und Spanien um Längen voraus. Nur wenn die Futsalspieler in Deutschland den gleichen Trainingsaufwand wie diese Nationen betreiben, wird es möglich sein, gegen diese Teams zu bestehen. Mit fehlender Kondition sinkt die Konzentation und als Konsequenz die Präzision und Schnelligkeit im Passspiel.
    Deutschland verfügt über hervorragende Trainer. Der Fußball in der Halle hat zwar seine eigenen taktischen und technischen Erfordernisse, Dennoch ist Futsal eine Variante des Fußballs auf die sich unsere gut ausgebildeten Fussballehrer schnell einstellen können und werden. Der beste internationale Trainer bringt uns nicht voran, wenn die Trainingsbedingungen und Trainingsbereitschaften der Spieler sich nicht gleichzeitig verändern. Das wird die Zeit verändern.
    Die Bildung einer Nationalmannschaft muss daher zunächst als Anreiz für die Fußballer gesehen werden, ihre Trainingsintensität und technischen Fertigkeiten zu verändern, um dem internationalen Vergleich stand zu halten.
    Die Torhüter sind zudem ein besonderes Problem. Ich kenne keinen Futsaltorhüter der nicht als Torwart im 11er Feld groß geworden ist. Im Futsaltor sind aber Anforderungen an den Torhüter zu stellen über die kein mir bekannter Futsaltorwart verfügt. Besonders im Bereich der Beweglichkeit erreichen unsere Futsaltorhüter nicht annähernd den Standard von guten internationalen Torhütern. Diese Grundlagen werden in Spanien und Italien, um nur Beispiele zu nennen, im Kindesalter gelegt. (Lasse mal einen unserer Torhüter der Landesauswahlen in den Spagat gehen).
    Wer erwartet, dass man nur einen Zauberer von außerhalb holen muss und schon haben wir eine Nationalmannschaft die schon bald zu den Spitzennationen in Europa aufschließt , verkennt die Situation gründlich. Wir werden in Deutschland einen Schritt nach dem anderen machen müssen.
    Die Bildung einer Nationalmannschaft ist einer dieser Schritte. Ein Schritt am Anfang. Hierfür bin ich dem DFB unheimlich dankbar, dass er diesen Weg jetzt auch in Deutschland ermöglicht. Für viele Fußballer war es das wichtige Signal für die persönliche Entscheidung.
    Ich freue mich auf den weiteren Weg der Nationalmannschaft. Wie die Einführung des Futsal Cups für die Vereine, wird die Nationalmannschaft den Aufwärtstrend und den Bekanntheitsgrad von Futsal weiter steigern. Unsere Futsal-Trainer werden im gleichem Maße ihre Erfahrungen sammeln und Wissen erweitern. Internationale Experten unterstützen den DFB seit Jahren bei der Ausbildung der Futsal – Trainer. Es muss uns gelingen eigene Experten auszubilden. Uns nicht durch internationale Experten unterstützen zu lassen wäre fahrlässig.
    Fred Michalsky, Futsal-Trainer

  3. Alexander Hartwig · · Antwort

    Teile die Meinung von Fred (Michalsky). Die Kritik braucht nicht so versteckt ablaufen. Aus den Sichtungsmaßnahmen sollte ein Impuls spürbar sein, der leider ausblieb. Dieser Kritikpunkt kann stärker formuliert werden. Denn hier folgt die Gedankenkette: Eine bessere Profilierungschance für das Trainerteam konnte nicht erdacht werden. So kommt im Nachgang Kritik, die nicht offen gegen Paul ausgesprochen wird, aber nach Hilfe aus dem Ausland ruft. Noch ist ein ganzes Jahr Zeit zur Verfügung um aus „dem Haufen“ eine Mannschaft zu formen. Der Dezembertermin kann da ergänzend genutzt werden. Die Hauptzwölf sollte bis dahin in hoffentlich ausreichend vielen Trainingswochenenden und Hausaufgaben für die Tage zu Hause gefunden worden sein.
    Wichtiger Punkt: Hoffentlich bekommt die Mannschaft genügend Spiele und genügend Raum, diese auch verlieren zu dürfen.

    Alexander Hartwig
    Greifswald

  4. Felix Blume · · Antwort

    Sehr geehrter Herr Michalsky,
    Sie sagen, den Panthers fehle es nur an Fitness.

    Beginnen wir mal mit einer vorsichtigen Analyse des Spiels gegen Lok Charkiw.
    Beim ersten Tor der Ukrainer fehlt dem verteidigenden Spieler zwar die Kraft, den Zweikampf zu gewinnen, ein guter Futsaltorwart dürfte allerdings keinen Ball aus diesem Winkel kassieren.

    Auch das zweite Tor zeigt,dass der Fehler beim Torhüter liegt. Der Ukrainer schießt aus dem toten Winkel, der Hamburger Torhüter dreht sich sogar noch aus Angst vor dem Ball weg, diese Szene sieht man im Video bei 0:30.

    Sie sagen, die Panthers hätten sich mit einem erfahrenen Trainer vorbereitet. Beim dritten Tor der Ukrainer sieht man jedoch, dass die Grundlagen fehlen. Die Mitte ist viel zu offen und auch von außen wird nicht eingerückt. Das hat nichts mit fehlender Fitness, sondern viel mehr mit taktischem Unvermögen zu tun. Ein erfahrener Trainer wie Jos v. Geren sollte so etwas eigentlich wissen.

    Auch das vierte Tor der Ukrainer hat nichts mit der Fitness, sondern mit der Qualität des Spielers zu tun. Der Spieler der Panthers lässt sich zweimal vom Ukrainer umspielen.

    Beim 6:1 ist es wieder der Hamburger, der in die Mitte zieht obwohl der Mitspieler besser postiert wäre. Daraus resultiert der Ballverlust.

    Auch sagen Sie, es gebe kaum gute Torhüter in Deutschland. Zumindest einen gibt es, der mit Futsal aufgewachsen ist, er hat vor einiger Zeit sogar ein Buch über Futsal geschrieben. Ich bin mir sicher, dass einige Menschen aus Ihrem Stab seinen Namen kennen.
    Trotzdem denke ich, dass die Nationalmannschaft ein Schritt in die richtige Richtung ist. Aber wir werden sehen, was in der nächsten Zeit passiert.

  5. Fred Michalsky · · Antwort

    Sehr geehrter Herr Blume, nette Analyse des Spiels gegen die Ukrainer. Hat allerdings nichts mit meinem Kommentar zu tun.
    Hier noch mal die Kernaussage: Erst die Individualtechniken und die Physis unserer Spieler verbessern – auch der Futsal-Torhüter und dann Taktik. Ein noch so guter Trainer wird immer auf diese Punkte achten, denn sie sind Voraussetzungen für die weitere Entwicklung und Erfolg. Ihre Analyse des Spiels gegen die Ukrainer bestätigt diese Aussage. Ich habe die Videos aller Spiele dieser Gruppe aus Island und Rumänien und nutze diese für Analysen, Entwicklung von Trainingsmethoden und zum Erkennen von Defiziten. Wir haben noch viel zu tun. Es gibt auch sehr viele interessante positive Aspekte die erwähnenswert wären.

    Um es ganz deutlich an dieser Stelle zu sagen: Ich danke Mister Futsal für seinen Block und für die Möglichkeit sich über Futsal auszutauschen. Auch das trägt zur Entwicklung von Futsal bei.

  6. […] deinem ersten Experten-Kommentar (HIER!) zur neuen deutschen Futsal-Nationalmannschaft kritisierst Du insbesonders die Trainerbesetzung. […]

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