Futsal als Winter-Pflichtprogramm: Ein Segen für Futsal und Fußball?

Der Winter naht und somit auch die alljährliche Hallenfußballsaison. Seit Jahren sind Hallenkreis-, bezirks-, und landesmeisterschaften ein Highlight und Zuschauermagnet für Fußballvereine und Fans. Während im Westen vorwiegend auf große Tore, mit Bande und normalem Fußball gespielt wird, bevorzugen Verbände im Osten teils gelbe, flauschige „Indoor“-Bälle, große Tore und keine Bande. Ungeachtet dieser Unterschiede steht im Vordergrund, die Fußball-Fähigkeiten auf das Hallenpaket zu übertragen. Parallel zu diesen deutschen Hallenfußballvarianten, entwickelte sich weltweit eine einheitliche Variante: Futsal. Die UEFA sieht Futsal sogar als eigenständige Disziplin (UEFA, 2006). Entsprechend der Etablierung als eigene Disziplin, entwickeln sich auch in Deutschland langsam eigene Futsal-Strukturen und Ligen (bisher Hamburg, Berlin, Mittelrhein, Niederrhein, Westfalen, Bayern, Baden, Hessen, NOVF).

Trotz dieser, aus Perspektive der Futsal-Vereine, erfreulichen Entwicklung, möchte der DFB mehr Druck auf die Etablierung und Anerkennung von Futsal in Deutschland ausüben. Ursache ist sicherlich die europaweite einmalige Stellung unter den Top-Fußball-Verbänden keine konkurrenzfähige Futsal-Nationalmannschaft zu stellen. Dies könnte ein Grund sein, warum nach und nach die deutschen Hallenfußballturniere auf Futsal-Regeln und Futsal-Spielwerk (Handballtore, Futsal-Ball) umgestellt werden – verständlicher Weise unter Kritik der Fußballvereine. Da beide Seiten Extrempositionen vertreten, scheint sich die Lage zu verhärten. Eine differenzierte Betrachtung wird selten geboten, weshalb ich an dieser Stelle gerne versuchen möchte, Vor- und Nachteile sowie Lösungsansetze zu diskutieren.

Die Wunschliste

Beginnen wir mit den Befürwortern. Kaum Zweifel besteht, dass Futsal andere Techniken für Spieler und Torhüter vermittelt. Der Ball sorgt für eine bessere Ballkontrolle (Heim et al., 2007), aufgrund des engeren Spielraumes wird die Entscheidungsschnelligkeit geschult (Schomann, 2010) und es werden zusätzliche Techniken (Pike, Sohle, 1 vs. 1, Torwart-Reflexe) gefördert. Hinsichtlich des Vergleichs von Hallenfußball mit Bande und Futsal ist zudem von einer geringeren Verletzungswahrscheinlichkeit auszugehen. Der DFB möchte damit den Fußballvereinen nahelegen: hier können eure Spieler dazulernen. Für die Futsal-Clubs wird argumentiert, dass durch die flächendeckende Einführung mehr Spieler für Futsal begeistern werden könnten, folglich in reine Futsal-Mannschaft wechseln (oder parallel spielen) und somit das Futsal-Niveau in Deutschland gesteigert wird.

Das „Aber“

Was sich auf den ersten Blick nach einer „Win-Win“-Situation anhört, offenbart bei genaueren Überlegungen doch einige Schwachstellen. So  wird grundlegend vergessen, dass nur das reine „Bereitstellen“ eines Futsal-Balls und die Nutzung von Handballtoren noch keine technische und taktische „Weiterbildung“ für Fußballer ermöglicht. Ohne spezifisches Futsal-Training werden Fußballspieler weder den Ball mit der Sohle annehmen, noch die Pike nutzen oder gar mit taktischen Raffinessen (Spielsysteme, Rotationen, Standards) experimentieren. Daher erscheint die Annahme, dass eine einfache Futsal-Verpflichtung spielerische Vorteile für die Fußballer bringt nicht haltbar, solange bei den Trainern kein Futsal-Wissen (was nicht verlangt werden kann) und somit keine Futsal-Trainings-Einheiten angeboten werden. Bezüglich des Arguments „geringere“ Verletzungsgefahr, wird selten erwähnt, dass Futsal gegenüber Hallenfußball mit Bande eine geringere Gefahr bietet, jedoch gegenüber Fußball keine Unterschiede nachgewiesen werden konnten (v. Hespen et al., 2011; Junge & Dvorak, 2010). So ist für Verbände die Hallenfußball ohne Bande austragen von keinen Unterschieden hinsichtlich der Verletzungsgefahr auszugehen. Auch das häufig angeführte  „Grätschverbot“ existiert eigentlich nicht – nur die Grätsche in den Mann und von hinten ist verboten, aber dies ist im Fußball ähnlich.

Ist die Futsal-Verpflichtung wenigstens ein Schritt für den Futsal? Jein. Zum einen ist nicht von einem Ansturm auf die Futsal-Vereine auszugehen, da es einen ganz klaren Vorteil im Fußball gibt: Geld! Der Futsal würde nicht von Quantität sondern nur von Qualität profitieren. 100 neue Vereine auf Kreisliga C-Niveau wären nicht effektiv. Ziel kann es daher nur sein, Spieler aus Bezirksliga oder höher in den Futsal zu „locken“. Solange jedoch im Futsal lediglich „Fahrtgeld“ (wenn überhaupt) gezahlt wird, ist auf längere Sicht nicht von einem Wechsel derartiger Spieler auszugehen. Selbst wenn Spieler aus höheren Fußball-Ligen den Weg in den Futsal finden, um parallel zu spielen, machen die Fußballvereinen vermehrt (nachvollziehbarer Weise) Gebrauch von einem vertraglichen Sperrverbot. Hinsichtlich der bereiten Anerkennung der Disziplin Futsal erscheint es sogar kontraproduktiv, da durch einen Futsal-Zwang eher Vorurteile und Missachtung aufgebaut werden anstatt Respekt vor der Disziplin zu fördern.

Folglich sehe ich keinen Grund, warum Fußballern das beliebte Spiel mit Bande und großen Toren genommen werden sollte – weder aus Fußballer noch Futsaler Sicht. Es stellt sich somit die Frage, inwiefern der DFB und die Landesverbände einige der anvisierten Ziele umsetzen könnten, ohne jedoch eine der beiden Seiten zu „verärgern“. Hier einige Lösungsmöglichkeiten:

1. Bereitstellung von Weiterbildungen

Um die spielerischen Vorteile des Futsal-Spiels auch den Fußballvereinen näherzubringen, müssen DFB und Landesverbände für die Vermittlung von Futsal-Spezifischen-Wissen beitragen. Dies kann entweder direkt durch das Angebot von Lehrgängen für Trainer erfolgen (welche jedoch unbedingt kostenlos bleiben müssen). Vorstellbar wäre jedoch auch die Vermittlung von Kontakten aus dem Futsal-Spielbetrieb. Futsal-Trainer sind sicherlich bereit Fußballvereinen und Trainern beim Futsal-training zu helfen und entsprechende Techniken und Taktiken näherzubringen. Um Fußballvereine zu Annahme derartiger Angebote zu bewegen, sollte auch vor Anreizen nicht zurückgeschreckt werden. Möglich wäre, dass sich Vereine von Pflichten befreien können (z.B. Schiedsrichterabstellung, Gebührenerlass), wenn Übungsleiter an Futsal-Seminaren des Verbandes teilnehmen.

2. Separaten Wettbewerb veranstalten

Anstatt den Vereinen ihr Turnier zu nehmen und für die Teilnahme einer anderen Disziplin zu verpflichten, sollte versucht werden, Vereine „freiwillig“ zur Teilnahme an separaten Winter-Futsal-Turnieren zu bewegen. Dies erfordert jedoch entsprechende Anreize. Vorstellbar wäre die Ausrichtung einer Landesmeisterschaft im Futsal mit entsprechender Siegprämie, welche deutlich über Prämien der Hallenfußballer liegen sollte. Je nach Nachfrage, sollten dann Ausscheidungsturniere organisiert werden. Dies erfordert eine längere Planung als bei klassischen Hallenturnieren. Interessierte Fußballvereine sollten sich rechtzeitig melden, damit der Umfang von Ausscheidungsturnieren festgelegt werden kann. Den Titel „Landesmeister im Futsal“ trägt sicherlich jeder Verein gerne. Vorstellbar wären auch Erlassungen von Verpflichtungen wie im Lösungsvorschlag eins beschrieben.

3. Abwarten

Eine Lösung ohne Kosten und Streit wäre einfach die Beibehaltung des Status Quo. Die neue Generation von Fußballtrainern  kennt Futsal und wird zu gegebener Zeit selbständig ihren Spielern Futsal-Einheiten anbieten. Außerdem sollten Futsal-Vereine ohne Hindernisse zu Hallenmeisterschaften zugelassen werden, um so spielerisch für die eigene Disziplin zu werben. Spieler welche sich für Futsal interessieren finden von alleine den Weg in den Futsal und benötigen mit Sicherheit kein „Pflichtturnier“

Fazit

Grundsätzlich ist  festzuhalten, dass die Einführung eines verpflichtenden Wettbewerbs keine klare „Win-Win“-Situation ist. Die Vorteile des Futsal-Spieles liegen auf der Hand und bei richtiger Vermittlung sollten Fußballspieler auch für das Spiel auf dem Großfeld profitieren. Ohne eine entsprechende Vermittlung von Futsal-Kenntnisse werden die Turniere jedoch wohl eher Hallenfußball mit Futsal-Ball und Handballtoren, was kaum zu den erhofften Verbesserung der Fußballfähigkeiten führt. Ganz im Gegensatz: die Nutzung von großen Toren und einem richtigen Fußball wäre für das Fußballspiel zielführender, da Trainer die richtigen Techniken und Taktiken für die Halle vermitteln können, als „blind“ Futsal zu spielen. Aufgrund der Vorteile des Futsal-Spiels sollten Winter-Futsal-Turniere jedoch durchaus angeboten werden, jedoch auf Freiwilligkeit der Teilnahme setzen (unter Anwendung der entsprechenden finanziellen Anreize). Dann könnte es durchaus für beide Seiten eine „Win-Win“-Situation werden. 

 

Heim, C., Frick, U., & Prohl, R. (2007). Futsal in der Schule – eine Chance für den Fußball? Institut für Sportwissenschaften, J. W. Goethe-Universität Frankfurt am Main.

Junge, A., & Dvorak, J. (2010). Injury risk of playing football in Futsal World Cups. British journal of sports medicine, bjsports76752.

Schomann, p. (2010). Durch Futsal ein besserer Fußballer werden. Fußballtraining, 12.

Van Hespen, A., Stege, J. P., & Stubbe, J. H. (2011). Soccer and futsal injuries in the netherlands. British journal of sports medicine, 45(4), 330-330.

UEFA (2006). The Technican – Informationsblatt für Trainer.

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3 Kommentare

  1. Bünyamin · · Antwort

    Das wird ein ewiges Streitthema bleiben. Ich für meinen Teil sehe einige Punkte anders.
    Hallenturniere im Winter haben nicht den Sinn Fußballer taktisch weiterzuentwickeln. Sie dienen aus sportlicher Sicht nur der Überbrückung der Winterpause. Aus technischer Sicht ist das Futsalspielen mit Sicherheit geeignet hierfür als herkömmlicher Hallenfußball. Das Kombinationsspiel, das durch kleinere Tore sowie Wegfallen der Bande gefordert wird, wird gleichzeitg durch den Futsalball gefördert.
    Ohne die Studie über die Verletzungsgefahr gelesen zu haben, bin ich mir sicher, dass alleine die Regelung der kummulierten Foulspiele dazu führt, dass Zweikämpfe vorsichter bestritten werden als bisher.
    Weiterhin ist es sicher richtig, dass man nicht damit rechnen kann, dass selbst gering bezahlte Fußballer nicht plötzlich zum Futsal wechseln werden. Allerdings sehe ich den Punkt mit der Quantität anders. Natürlich wird man nicht kurzfristig das Niveau in Futsaldeutschland anheben, aber je mehr Futsalspieler und -vereine es geben wird, desto bekannter wird der Sport und desto wahrscheinlicher wird es, dass er durch gesteigertes Zuschauerinteresse auch durch das Engagement von Sponsoren lukrativer wird.
    Aus meiner Sicht wird die Futsalpflicht unserem Sport mehr helfen als schaden. Aber lassen wir uns überraschen…

  2. Sehe das ähnlich wie Bünny. Fussballer gehen in die Halle weil es draußen zu kalt ist. Kaum ein Trainer nutzt die Halle um seine Spieler weiterzuentwickeln. Das Argument der Entwicklung spielt in der Jugend sicherlich noch eine Rolle und gerade hier gibt die Studie von Heim genug Indizien dafür dass allein der Futsal einen positiven Einfluss auf die fußballspezifischen Eigenschaften der Kinder hat. Durch mehr Ballkontakte im Vergleich zum Fußball haben die Spieler automatisch mehr Wiederholungen ihrer Aktionen, was bereits die Entwicklung fördert. Ähnlich wirkt das Argument, dass durch die kleineren Tore die Teams gezwungen sind sich vor das Tor zu kombinieren und ob das jetzt durch Futsaltaktiken oder einen Doppelpass passiert ist ja auch irrelevant für Fußballer.

    Mit Masse steigt in der Regel auch die Klasse, zusätzlich ist das zentrale Argument für Sponsoren, dass eine große Basis besteht die sich mit dem Thema beschäftigt. Würde also sagen, je mehr Futsalspieler desto besser.

    In drei bis vier Jahren fragt keiner mehr nach der Bande und großen Toren, dann freuen sich alle über die Falcaotore die bei den Stadtmeisterschaften geschossen werden.

  3. […] rollt zum ersten Mal der Futsal-Ball bei den Hallenfußballmeisterschaften. Bereits in unserem letzten Beitrag haben wir auf Vor- und Nachteile aufmerksam gemacht. Ein Punkt ist die fehlende Erfahrung vieler […]

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