Futsalsport als Erfahrungsgut – warum es so schwer ist neue Spieler für den Futsalsport zu werben

Eine der am meisten gestellten Fragen – in neuen wie auch etablierten Futsalvereinen – ist sicherlich, warum so wenig Spieler vom Fußball zum Futsal wechseln. Dabei sind es doch dieselben Grundlagen: „Tor, Ball, Fuß“. An diesen Eigenschaften kann es also nicht liegen. Versuchen wir daher mal weg von Stammtischargumenten wie „die wissen nicht wie viel Spaß es macht“ zu gehen und betrachten wir Fußball und Futsal mal von der ökonomischen Seite – genauer gesagt von der auf unterschiedlichen Informationen basierenden Informationsökonomie.

Alle von Euch werden einverstanden sein, wenn wir (aktiven) Futsalsport und Fußballsport als eine Art Hobby-Gut beschreiben, mit dem Nutzen körperlicher Betätigung (Training), Teilnahme an Wettbewerben und Erweiterung des Freundeskreises (auch Sozialkapital genannt, Boudieu, 1986).  Entsprechend der Theorie existieren drei Klassen von Gütern: Such-, Erfahrungs- und Vertrauensgüter (Darby & Karni, 1973; Nelson, 1970). Bei Suchgütern könnt ihr bereits vor dem Kauf abschätzen, welchen Nutzen euch ein Produkt/Gut bringt (z.B. Speicherplatz Handy, Verfügbare Apps, Farbe von Futsalschuhen). Dagegen  fehlen bei Erfahrungs- und Vertrauensgüter vorab Informationen, um den späteren Nutzen abzuschätzen. Bei Erfahrungsgütern kann erst der Konsum den Nutzen offenbaren. Zum Beispiel wisst ihr erst wenn ihr einen Film gesehen habt, wie gut er euch gefällt (=Nutzen). Bei Vertrauensgütern könnt ihr auch nach dem Kauf und Konsum nicht wissen ob, es gut ist wofür ihr bezahlt hat. Wer sein Auto mal in einer Werkstatt hatte, weiß wovon ich spreche.

Wenn wir uns nun einmal neue Sportarten anschauen, ist erkennbar, dass der Spaß (Nutzen) an der neuen Sportart und Verein erst nach einer mehrmaligen Teilnahme am Training und an Wettkampftagen offenbart wird. Daher sind Sportarten, die wir nicht kennen, Erfahrungsgüter, da der Spaß vorher nicht bekannt ist. Erst nach einiger Zeit des Trainings und Training der Sportart, können Erfahrungsgüter zu Suchgütern werden (Klein, 1998). Nehmen wir nun den Fall eines potenziellen Interessenten am Futsalsport, der jedoch vom Fußball kommt (wie so ziemlich jeder in Deutschland Aufgewachsene). Für diesen ist anzunehmen, dass Fußball ein Suchgut ist. Wenn dieser Spielen einen Fußballverein sucht (Vereinswechsel oder neu in der Stadt), weiß er welche Liga, zu welchen Trainingszeiten und Trainingskonditionen (Trainingsübungen, sind meist je nach Liganiveau gleich sind)  er sich engagieren will. All dies findet auf der Internetseite des Vereins – er hat also volle Information und geringe Unsicherheit wenn er zu einem Probetraining geht. Die Wahrscheinlichkeit, dass er dann im Verein bleibt ist sehr hoch (nur das Teamgebilde bleibt ein Erfahrungsgut). Darüber hinaus ist das Netz von Fußballvereinen sehr dicht, so dass innerhalb von 10min Radweg min. 1 Fußballverein zu erreichen sein sollte (Kosten der Zeit). Für Fußballvereine bedeutet dies, dass lediglich die passenden Informationen bereitgestellt werden müssen, um neue Spieler zu finden.

Ist ein Spieler jedoch mit Futsal konfrontiert, hat er nahezu keine Information und kann seinen Nutzen aus einem Engagement nicht vorher abschätzen – es ist für Ihn ein Erfahrungsgut. Die Mannschaft, die Ligen, die Trainingsstrukturen kennt er nicht und er muss erst mehrmals am Training teilnehmen, um seinen Nutzen ein wenig abzuschätzen. Zudem ist wissenschaftlich erwiesen, dass Futsal und Fußball zwar die gleichen Grundlagen (Tore, Ball, Fuß) haben, sich jedoch hinsichtlich Taktik, Technik, körperlichen Belastungen und Spielablauf deutlich unterscheiden (Castagna et al. 2009; Heim et al., 2007; Milanovic et a., 2011). Somit sind auch der Trainingsablauf und die Trainingsübungen anders. Im Gegensatz zum Fußball hat unser Spieler daher hohe Informationskosten (warum und wie welche Übungen) und Opportunitätskosten der Freizeit (Kosten aus entgangenen Alternativnutzen = während der Teilnahme beim Futsal, kann man nicht zum Fußball, etwas mit Freunden unternehmen oder anderen Hobbys nachgehen). Da es bisher nur wenig Futsalvereine gibt, sind auch die Opportunitätskosten der „Pendelzeit“ zum Training hoch.  Der Nutzen aus allen anderen Alternativen (Fußball und andere Hobbys) ist jedoch bekannt. Spieler die erstmalig zum Futsal kommen, können daher den Nutzen aus dem Sport nicht einschätzen – der Nutzen aus anderen Hobbys ist gleichzeitig sicher und wird bald bevorzugt. Beim Fußball weiß der Spieler bereits vor dem Training wie hoch sein Nutzen gegenüber anderen Hobbyalternativen ist und wird, wenn er einmal zum Training kommt, sehr wahrscheinlich bleiben, wenn das Mannschaftsumfeld stimmt.

Was können nun alle Futsalisten und Vereinsverantwortlich daraus lernen? Zum ersten: nur reden wird nichts bringen, da dadurch keine Erfahrung aufgebaut und der Nutzen aus dem Training weiterhin ungewiss ist. Es ist daher besser, Spieler direkt mit Futsaltraining zu konfrontieren, um den Nutzen aus dem Sport aufzudecken. Möglichkeiten sind Probetrainingseinheiten und gute Internet/Social-Mediaseiten. Ferner sollte sich gleich zu Beginn intensiv mit den Neulingen beschäftigt werden, auf die Besonderheiten des Futsalsportes (Taktik und Technik) hingewiesen und Fahrgruppen koordiniert werden. Trotzdem besteht das Problem  überhaupt erst jemanden zum Sport zu bewegen. Aus informationsökonomischer Sicht ist es daher besser, wenn jemand zum Training „gezwungen“ wird. Einheiten in Schulen, in Jugendeinrichtungen und Universitäten sind vielversprechend, da Spieler langsam Erfahrung aufbauen können und der Nutzen höher als andere Freizeitalternativen eingeschätzt wird. Ein Teil der Unsicherheit betrifft jedoch auch die Wettkampfatmosphäre. In Bezug auf Fußball weiß jeder ehemalige Spieler wie ein Spieltag abläuft und welchen Spaß ein Spiel bringt. Hinsichtlich Futsal bleibt diese Erfahrung aber auch durch einfache Trainingseinheiten unangetastet. Es empfiehlt sich daher, potenziellen Interessenten so schnell wie möglich in Wettkämpfen einzusetzen. Möglichkeiten sind Testspiele oder die Mitnahme (und nur kurzer Einsatz) zum Spieltag. Ebenfalls sollten Neulingen bei einer Videoauswertung des letzten Spiels einbezogen werden. Ziel muss es sein, aus dem Erfahrungsgut Futsal ein Suchgut zu machen, indem der ganze Nutzen aus der Sportart, in möglichst kurzer Zeit, aufgezeigt wird.  Anders verhält es sich mit Spielern aus dem Ausland mit Futsalerfahrung. Für diese Spieler ist Futsal mehr Suchgut als Fußball – nur das Mannschaftsumfeld hat noch Erfahrungscharakter. Sind diese mit dem Mannschaftsumfeld zufrieden, können sie  sicher für die Zukunft eingeplant werden. Futsalerfahrene Spieler sollten daher sofort in das Mannschaftsgefüge integriert werden (in Gespräche einbeziehen, Verlinkung auf Facebook und Whatsappgruppen, Mannschaftsabende…).

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass Futsalvereine versuchen sollten ausländische Spieler (z.B. Studenten) mit Futsalerfahrung zu suchen und diese schnellstmöglich ins Team eingliedern. Außerdem sollten „zwingende“ Futsalangebote aufgebaut werden oder Kapazitäten für eine schnelle Einbindung in den Spielbetrieb geschaffen werden. Ungeachtet all dessen, ist natürlich die Futsalleidenschaft der existierenden Spieler von nicht zu ersetzender Bedeutung.

Nächster Beitrag: Economies of Scope – Warum die Eingliederung in einen bestehenden Sportverein einer Neugründung vorzuziehen ist.

Barbero-Alvarez, José C./Soto, Victor M./Barbero-Alvarez,  Verónica /Granda-Vera, Juan (2008): Match analysis and heart rate of futsal players during competition. In: Journal of Sports Sciences, 26: 63–73.

Bourdieu, P. (1986). Forms of Capital. John G. Richardson (ed.), Handbook of Theory and Research for the Sociology of Education, 241-258, Greenwood, New York.

Castagna, C.; Ottavio, S.; Vera, J.G.; & Alvarez, J.C.B. (2009). Match demands of professional Futsal: A case study. Journal of Science and Medicine in Sport, 12, 490 494

Darby, M. R., & Karni, E. (1973). Free competition and the optimal amount of fraud. Journal of law and economics, 16(1), 67-88.

Heim, C., Frick, U., & Prohl, R. (2007). Futsal in der Schule–eine Chance für den Fußball? Deutscher Fußball Bund. Fußball ist Zukunft.

Klein, L. R. (1998). Evaluating the potential of interactive media through a new lens: search versus experience goods. Journal of business research, 41(3), 195-203.

Milanović, Z., Sporiš, G., Trajković, N. &  Fiorentini, F. (2011). Differences in agility performance between futsal and soccer players, Sport Science, 4 (2), 55-59.

Nelson, P. (1970). Information and consumer behavior. The Journal of Political Economy, 78(2), 311-329.

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