Thiemann schreibt Geschichte. Das Premierenspiel der Futsal-Bundesliga.Ein Kommentar…

Von: futsalphilosoph

Düsseldorf. Es war ein überraschender, aber kein unverdienter Sieg für Fortuna Düsseldorf, während die HSV-Panthers, wenn sie nun in dieser Art Futsal spielen, wohl nicht das letzte Mal in dieser Art Punkte liegen lassen werden.

Das Ambiente? Das Castello, eine Top-Halle, wenn nicht die Top-Halle. Und natürlich darf beim ersten Bundesliga-Spiel der blaue Futsalboden des DFBs nicht fehlen. An diesen sollten wir uns aber nicht gewöhnen, denn wir werden ihn in der Bundesliga wohl eher weniger als häufiger sehen. Und die Zuschauer in der Halle? Der Andrang war zwar überschaubar, aber die Halle war alles andere als leer: Das Zuschauerbild war durchaus zufriedenstellend und die Stimmung hätte sich mit dieser Zuschaueranzahl bei mehr Toren sicherlich gesteigert.

Das Prozedere vor dem Spiel? Die Pre-Show mit Enkelson als musikalische Einlage. Da müssen wir ehrlich sein, der Sound war für den Stream-Zuschauer schlecht. Hat das der Tonmischer versaut? Hat der DFB den Gesang über das Außenmikro übertragen? Der Ton war jedenfalls kratzig und unangenehm. Ob man aber den Popgesang und die damit verbundene „Andreas Bourani meets Mark Forster Mucke“ von Enkelson ansprechend fand oder nicht, ist bekannter- und glücklicherweise Geschmacksache.

Dann der Einlauf und die Vorstellung der Teams sowie die Nationalhymne. Warum eigentlich die Nationalhymne? Aus DFB-Tradition heraus? Nur für das Eröffnungsspiel? Was will man damit vermitteln? Macht? Nationalstolz oder Stolz auf eine nationale Futsalliga? Und warum gesungen von „Enkelson“? Also für eine Nationalhymne hätte ich mir schon etwas mehr Klasse oder halt Instrumental gewünscht. Dennoch war bis dahin unterm Strich alles super.

Doch dann stehen da auf einmal Andreas „Lumpi“ Lambertz, Marcel Janssen und Renate Lingor als „Futsal-Botschafter*innen“ am Mittelkreis. Naja, immerhin ist Janssen neben seinem Aufsichtsratsposten bei der HSV Fußball AG auch Präsident des HSV e.V., dem die HSV-Panthers als Abteilung angehören. Aber warum darf u.a. dieser den „symbolischen Anstoß“ der Futsal-Bundesliga ausführen? Darf ich ehrlich sein? Das war eine Ohrfeige für die Futsal-Pioniere Deutschlands. Historisch bewusst und anerkennend dürfte nämlich eigentlich nur einer diesen symbolischen Anstoß ausführen: Georg von Coelln, dessen Kopf und Herz (und seiner Münsteraner Mitstreiter) haben den deutschen Futsal mit der Gründung des ersten deutschen Futsal Clubs (UFC Münster e.V.) geboren. Was wäre das für ein großes Zeichen, was für eine große Geste des DFBs wäre es gewesen, was wäre das für eine kulturelle und historische Achtsamkeit, Anerkennung, Respekt und Danksagung gegenüber diesem Sport mit seinen Pionieren aus der deutschen Futsal-Community gewesen? Das war es aber nicht, es war Marcel Janssen, das war etwas, was viele am Fußball mittlerweile abstoßend empfinden: Futsal als „Fußball-Marketingobjekt“, das intern wie extern verkauft werden muss. Hier hätte ich mir eine größere Geste gewünscht, die die Kommentatoren für den neugierigen Futsalzuschauer hätten kulturell ausschmücken können, so dass jeder versteht: „Das was du im Fußball nicht mehr findest, findest du bei uns im Futsal und noch mehr!“

Ein echtes Highlight des Spiels (so viele Tore gab es ja nicht) war Timo Heinze als Co-Kommentator, der das Spiel eloquent co-moderiert hat. Heinze gab ein paar Futsaleinsichten, die durchaus interessant für Futsalinteressierte waren. Der Hauptkommentator war der emotionalere Part und gab zudem hier und da ein paar Background-Infos, z.B. dass die HSV-Panthers erst zu 14:30 Uhr nach Düsseldorf angereist sind. Er war ehrlich und meinte es gut, aber diese Info hätte man sich vielleicht sparen oder einordnen können, während man sich die Gesamtleistung der HSV-Panthers so natürlich besser erklären kann. Beide Kommentatoren waren gut und sie haben das Spiel aus meiner Sicht interessant begleitet.

Aber kommen wir zum Spiel selbst und starten hier in der ersten Halbzeit: Düsseldorf hatte in den ersten 5 Minuten mehr Ballbesitz, war etwas griffiger und besser im Spiel, aber ohne wirklich Druck auf das Hamburger Tor zu kreieren. 
Der HSV spielte zu Beginn ungewohnt „verkopft“, d.h. wenig emotional, nicht gewohnt selbstbewusst, sondern eher auf taktische Formation und Laufwege getrimmt. Zu Beginn immer wieder mal im 4-0 aufbauend kam man so nicht aus der eigenen Hälfte. So was hat man bei den Panthers selten gesehen und es ist verwunderlich, dass sich die HSV-Panthers so an den „deutschen Futsal“ anpassen, anstatt über individuelle Entscheidungen (nicht Einzelaktionen) die Spielsituation wahrnehmen, fühlen und dann aus der situativen kollektiven Struktur heraus die richtigen individuellen Entscheidungen treffen.

Heinze erklärt im ersten Time-Out des Spiels einen Ala-Laufweg: der ballentfernte Ala läuft per Parallellauf ins Zentrum und bietet sich dem ballbesitzenden Ala als Anspieler bzw. Doppelpassspieler an. Ich finde diese Erläuterung super für den Zuschauer und traurig für die HSV-Panthers. Heinze macht hier als Co-Kommentar einen guten Job. Zudem ist der erklärte Laufweg ein wunderbarer Faktor der Heinze-Futsal-Karriere und der damit verbundenen Futsal-Philosophie, da dieser Laufweg in seiner aktiven Zeit in Köln und vor allem in der deutschen Nationalmannschaft unter Marcel Loosveld zuhauf gespielt wurde und bis heute gespielt wird. Für mich ist diese Laufwegerläuterung jedoch traurig, weil Heinze damit einen Punkt trifft, der entgegen meiner Erwartungen in Bezug auf die HSV-Panthers stehen: Denn die HSV-Panthers spielen auf einmal einen „Standardfutsal“, der für eine kollektiv agierende Truppe wie Düsseldorf relativ leicht zu verteidigen ist. Der HSV hat sein eigenes hohes individuelles Niveau so im wahrsten Sinne des Wortes „runter“gespielt bzw. geschraubt, während man individuell eigentlich über ganz andere futsalerische Potentiale verfügt, mit denen man Düsseldorf durchaus hätte beherrschen können. Das Gezeigte waren grundsätzliche Laufwege bzw. Gruppentaktiken aus der deutschen Nationalmannschaft etc., da hätte man sich schon denken können, dass ein Sepp, Schnitzerling und andere National- oder ehemalige Kölner Spieler relativ wenig Probleme haben dies zu verteidigen. Zumal spielte Düsseldorf ja sogar nach ähnlicher gruppentaktischer Orientierung, wodurch sich neben viel Neutralisierung leider wenige Überraschungsmomente ergaben und das Spiel so insgesamt leider nicht mit großer Klasse oder Kreativität glänzen konnte. Aber das ist dann eben auch erwartungsgemäß, wenn man das Premierenspiel nach großen „Fußballnamen“ wählt.


Der Co-Kommentator Timo Heinze trifft mit seinen Worten zu den HSV-Panthers gute drei Minuten vor der Halbzeitpause ins Schwarze: „Ich bin verwundert, weil die Jungs sonst deutlich besser performen.“ Die HSV-Panthers haben sich in der ersten Halbzeit durch ihren Standardrotationsfutsal, der zudem Paradebeispiele für „Pseudorotationen“ aufzeigte, in ihrer Qualität erkennbar reduziert.

Auf der anderen Seite muss man aber Fortuna Düsseldorf v.a. für ihre ersten 15 Minuten ein großes Lob aussprechen, man hat mutig gepresst und konnte die HSV-Panthers gut vom eigenen Tor fernhalten, während man anhand der vorhandenen Torchancen auch gerne schon zur Halbzeit hätte in Führung liegen können. So ging es dann aber mit einem 0:0 in die Halbzeit.

Die zweite Halbzeit startete und im Stream waren die Fouls mehrere Minuten noch nicht auf 0:0 runtergesetzt. Im weiteren Verlauf gab es zwar Chancen auf beide Seiten, aber dem Spiel fehlten ein wenig die kreativen Momente und dieses Premierenspiel lebte eher von der Energie, welche die beiden Teams aufbrachten, um das erste eigene Tor zu erzwingen oder eben das Gegentor zu verhindern. Deswegen lasse ich die ersten 3/4 der zweiten Halbzeit inhaltlich unbeachtet, es war zwar vom Spannungsgrad etwas mehr als in der ersten Halbzeit, aber es war ein mehr oder weniger ausgeglichener Kampf.

Dann aber 3:19 Min vor Schluss: Der HSV-Spielertrainer Juri Jeremejev verliert seinen Düsseldorfer Gegenspieler Eike Thiemann aus den Augen. Jeremejev schaut primär auf den Ball und kann so mit fehlerhafter Körperpositon nicht die Passlinie schließen. Aber das ist nur einer der Fehler in der HSV-Kette, denn zunächst kriegt der Düsseldorfer Sepp auf der linken Ala-Position in aller Ruhe den Ball, da ihm sein Hamburger Gegenspieler Öztürk ohne irgendeine Passlinie aktiv schließen zu wollen „anspaziert“. So erhält Sepp nicht nur Zeit, Raum und freien Blick auf den potentiellen Pass und Raum für Thiemann, sondern kann er den Pass sogar aus dem Stand heraus per Flugball spielen. So entsteht ein leicht vermeidbarer, jedoch wunderschöner Diagonalpass auf Thiemann. Sein Gegenspieler Jeremejev und der HSV-Keeper Bulanik irren dann überhastet und ohne taktische Struktur oder Kommunikation Richtung Thiemann, während dieser ruhig bleibt und Jeremejev – wunderbar antizipiert – aussteigen lässt und cool ins kurze Eck abschließt.

Der erste Futsal-Bundesligatorschütze heißt Eike Thiemann.

Er ist der Star dieses Spiels, der „Man of the Match“ und mit diesem Tor eine historische Figur der deutschen Futsal-Geschichte. Das Tor war schön und Thiemann hat es richtig gut gemacht, dennoch darf er sich auch bei der HSV-Verteidigung bedanken, die haben ihn für seinen Eintrag in die Futsalannalen den Stift gereicht.

Mit diesem späten Tor ist die Story eines vergleichsweise torarmen, aber spannenden Futsal-Bundesliga-Premierenspiels erzählt. Dieses erste und einzige Tor widmet dem Premierenspiel sein verdientes Ergebnis und Ende.

Bildquelle: DFB-YouTube

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