Interview im Spiegel zu Investoren und Insolvenzen im Fußball – auch für den Futsal relevant ?!

Aufgrund der aktuellen Geschehnisse beim KFC Uerdingen und Türkgücü München flammt das Thema Investoren und Insolvenzen in den letzten Wochen wieder in Fußball-Deutschland auf. Auch die Futsal-Bundesliga zieht aktuell Mäzen in den Sport wobei die finanzielle Ungewissheit im ersten Jahr der neuen Liga ab 2021/2022 auch die Angst vor dem „Insolvenzgespenst“ nährt. Unser „futsaleconomist“ Daniel Weimar hat sich aktuell im Spiegel (zum Interview) zum Thema Insolvenzen und Investoren geäußert. Da wir auch eine Relevanz für die Clubs der Futsal-Bundesliga sehen, hier die Antworten von Daniel Weimar auf die Fragen im Spiegel-Artikel (Fragen sind wegen Urheberrechtsschutz ausgeblendet):

Die genauen Gründe der einzelnen Insolvenzen sind wissenschaftlich meist nicht erforschbar, weil sie im Verborgenen bleiben. Eine Ursache liegt aber sicherlich im sportlichen Wettbewerb. Einerseits konkurrieren die Fußballklubs, andererseits sind sie aufeinander angewiesen. In der normalen Wirtschaft strebt hingegen jedes Unternehmen eine Monopolstellung an. Zudem gibt es Aufsteiger und Absteiger. Ein Abstieg führt dazu, dass ein Klub von einem auf den anderen Tag eine Marktbeschränkung erfährt: weniger Fans, weniger Sponsoren, weniger Fernsehgelder. Das muss unter allen Umständen verhindert werden. Die Folge ist ein Rattenrennen, in dem alle Vereine alle verfügbaren Ressourcen in Spieler investieren. Am Ende steigen aber zwangsläufig doch einige Vereine ab.

Das liegt an den Fernsehgeldern, der wichtigsten Einnahmequelle der Bundesligavereine, und deren Verteilung durch die DFL. Allein damit können sich diese Vereine so finanzieren, dass sie keine akuten Probleme bekommen. Außerdem sind viele Klubs in der ersten oder zweiten Liga zufrieden, wenn sie im Mittelfeld stehen, die wollen gar nicht mehr. Deshalb ist das Rattenrennen unter diesen Vereinen nicht so ausgeprägt, wie in den unteren Ligen. Dort ist es sehr lukrativ aufzusteigen. Hinzu kommt, dass die Teams dort viel stärker von den Zuschauereinnahmen abhängig sind. Wenn sie schlecht spielen, droht nicht nur der Abstieg. Womöglich bleiben die Fans weg, damit fehlen Einnahmen. Die Fernsehgelder sind hingegen relativ unabhängig vom aktuellen sportlichen Erfolg.

Fast alle Fußballklubs sind Kapitalgesellschaften mit Eigentümern, welche eine größere Gewinnerzielungsabsicht verfolgen als klassische Vereine. Die Qualifikation für die Champions League ist sehr ungewiss und sehr kompetitiv – warum sollten die Klubs überinvestieren, wenn auch im Mittelfeld ein Gewinn erwirtschaftet werden kann? Hier könnte die sogenannte Verlustaversion eine Rolle spielen. Auch die eher flache lineare Abnahme der TV-Einnahmen mit jedem schlechteren Tabellenplatz könnte das Verhalten erklären.

 Das muss man die Regionalverbände fragen. Natürlich haben kleinere Vereine weniger Leute für solche Aufgaben. Das trifft auch Klubs, die in der Oberliga sind und aufsteigen wollen. Zudem besteht die Gefahr, dass die Hürden zu hoch sind und bestimmte Vereine, die die Verbände gern in der Regionalliga hätten, diese nicht überspringen können. Die Folge wäre, dass man nicht genug Teams für die Liga finden würde. Das spricht gegen harte oder transparente Auflagen.

Das stimmt. Ökonomisch und für die sportliche Qualität wäre es besser, wenn es unter der eingleisigen dritten Liga eine zweigleisige Regionalliga und eine viergleisige Oberliga geben würde. Stattdessen gibt es gleich fünf Regionalligen in Deutschland. Das liegt am Föderalismus, in dem auch der Deutsche Fußball-Bund gefangen ist. Denn so stellt sich die Frage: Welche Regionalverbände wären zuständig für diese Ligen? Andere Verbände sind da flexibler aufgestellt.

Sofern Klubs einen Investor ins »Klub-Boot« holen, ja. Das ist allerdings auch der Situation geschuldet, dass in Deutschland nach den Statuten kein Investor die Mehrheit an einem Klub haben darf, auch wenn er weit mehr als die Hälfte des Kapitals stellt. Das führt dazu, dass es nur zwei Gruppen von Investoren gibt, die in ein so stark emotionalisiertes Produkt wie den Fußball investieren. Einerseits Mäzene, die aus reiner Leidenschaft einen bestimmten Verein finanzieren oder einer Region etwas zurückgeben wollen, wie etwa Dietmar Hopp. Andererseits Investoren ohne »Lokalkolorit«, welche nur indirket über Druck Einfluss auf die Entscheidungen der Geschäftsführung und Vorstände nehmen können. Die rechtlich keine Mehrheit haben, die aber trotzdem Entscheidungen in ihrem Sinn erzwingen.

Jeder weiß, dass ein Mikhail Ponomarev beim KFC Uerdingen oder ein Hasan Ismaik bei 1860 München trotz der Einschränkungen bestimmen wollen. Das ist ein echtes Problem. Und deshalb bin ich dafür, die 50+1-Regel abzuschaffen und das System für Investoren zu öffnen. Das hätte vor allem den Vorteil, den Steuerzahler zu entlasten, weil dann teure Stadionausbauten nicht mehr primär von den Kommunen finanziert werden müssen und bei multiplen Abstiegen zu »weißen Elefanten« für die Kommunen mutieren.

Die Abschreckungswirkung ist zu gering, gerade dann, wenn absehbar ist, dass der Punktabzug am Ende irrelevant ist. Besser wäre es, wenn untersagt würde, dass die Spielrechte im Falle einer Insolvenz auf einen Nachfolgerverein übertragen werden können. Beim Fußball kommt das Insolvenzrecht an seine Grenzen. Fälle, in denen das Geschäft einer insolventen Firma von einer anderen Firma unter gleichem Namen fortgeführt wird, sind dort nicht vorgesehen. Das ist verständlich, denn wer sollte den Namen eines Unternehmens übernehmen, das ein Produkt produziert, das nicht mehr nachgefragt wird? Beim Fußball ist das anders. Ich brauche nur den Namen und das Spielrecht, und schon kann ich wieder loslegen. Das geht viel zu einfach.

 Fußball ist ein emotionales Produkt. Deshalb helfen am Ende die Fans. In Wattenscheid oder Wuppertal sind nach der Insolvenz mehrere Hunderttausend Euro zusammengekommen. Das würden Kunden eines normalen Unternehmens nie machen. Aber selbst Banken trauen sich oft nicht, den Vereinen Kredite zu kündigen. Sie wollen nicht in den Ruf kommen, den Heimatklub im Stich gelassen zu haben.

Das kann man vermuten, weil viele Einnahmen wegbrechen. Deshalb wird es Finanzierungslücken geben. Auf der anderen Seite werden die Gehälter deutlich geringer. Gerade in den Regionalligen werden die wenigsten Spieler noch allein davon leben können. Entscheidend wird aber sein, ob Sponsoren abspringen, die jahrelang Vereine gestützt haben und nun einfach nicht mehr können.

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