Die neuen Futsal-Regeln: Wenn aus „Veterans“ einfach mal „Senioren“ wird

Im „Schatten“ des Corona-Virus hat das Büro des FIFA-Rats am 08. April 2020 eine Aktualisierung der FIFA-Regeln bewilligt (Circular 1719) und am 29. Mai in Umlauf gebracht. Eine Anpassung wird zum 1. Juli 2020 erfolgen. Insbesondere wurden einige bereits aus dem Fußball bekannte Änderungen vorgenommen (z.B. Vorgehen der Schiedsrichter auch gegen Mannschaftsoffizielle, fünf statt drei Sechsmeterschützen oder Verweilen des Torhüters mit einem Fuß auf der Linie beim 6-Meter bis zur Ausführung). Positiv zu erwähnen ist, dass die FIFA den Frauen-Futsal mit dem Männer-Futsal formal gleichgestellt hat.

Wir wollen uns in unserem Artikel nicht jedoch mit allen Details aufhalten, die ihr hier findet. Stattdessen wollen wir uns auf taktische Konsequenzen konzentrieren und einem kleinen Kuriosum auf die Schliche kommen. Dafür schauen wir uns drei Regeländerungen näher an:

Anstoß auch nach hinten erlaubt

In unseren Augen eröffnet diese Möglichkeit eine neue Anzahl an Anstoß-Varianten. Im Fußball beobachtet man vereinzelt, dass der erste Ball nach hinten gespielt und in einem zweite Ball nach vorne geschlagen wird während ein großer Teil der Spieler nach vorne sprintet. Dies sorgt jedoch sehr selten für Torgefahr, da die Distanz, die mit dem Flugball zu überbrücken ist rund 40-50 Meter beträgt. Im Futsal wäre hier aufgrund der  geringeren Felddimensionen sicher einiges an Möglichkeiten denkbar, insbesondere, wenn der Gegner nach dem Anstoß direkt in ein Ganzfeld-Pressing übergeht.

Zwar nutzen auch schon jetzt einige Futsal-Teams Anstoß-Strategien. Doch durch die aktuelle Fassung, in welcher der erste Pass nach vorne gespielt werden muss, gewinnt der Gegner, der nur drei Meter entfernt steht, an Zeit. Auch wenn dieser Zeitgewinn minimal ausfällt, fällt er im Vergleich zu einem Pass nach hinten geringer aus. Ein weiterer Aspekt ist die Fehleranfälligkeit, wenn statt zwei notwendigen Pässen nur einer gespielt werden muss. Auf Profi-Ebene weniger problematisch, aber in den untersten Futsal-Ligen in Deutschland sicher nicht zu vernachlässigen.

Alles in allem wird der Spielradius des Balles von 180 auf 360 Grad verdoppelt und dürfte im Futsal einen deutlich größeren Impact als im Fußball haben. Wir freuen uns schon jetzt auf interessante Spielzüge nach einem Anstoß und einen Gewinn für die Attraktivität des Futsals.

Der Ball muss beim Torabwurf nicht den eigenen Torraum verlassen

Auch hier lassen sich ähnliche Punkte wie beim Anstoß finden. Insbesondere die erhöhten Lösungsmöglichkeiten für Teams in Ballbesitz und unter Pressing fallen ins Auge. Mit einem Anspiel im eigenen Torraum steht alleine räumlich ein größerer Bereich für ein Anspiel nach Torabwurf zur Verfügung.

Vor allem, da die verteidigende Mannschaft erst nach dem Abwerfen (Ball im Spiel sobald er klar erkennbar rollt) durch den Torwart den 6-Meter-Raum betreten darf, eröffnet sich für die Mannschaft in Ballbesitz eine wichtige Möglichkeit ohne direkten Gegnerdruck angespielt zu werden und eine Strategie zum Lösen aus dem Pressing anzuwenden. Diese Regeländerung dürfte in unseren Augen eine sehr hohe Relevanz in Zukunft haben, da es bisher viel leichter möglich war die Mannschaft in Ballbesitz zu pressen. Allerdings könnte hier vom Team ohne Ballbesitz auch bewusst ein sehr kurzes Anspiel provoziert werden, um das ballbesitzende Team in noch höherem Raum und in direkter Tornähe zu attackieren.

Daher wird es sehr spannend zu beobachten sein, welche Lösungsmöglichkeiten und Gegenstrategien die Futsal-Teams entwickeln werden. Wir hoffen nur, dass nicht hauptsächlich nur noch auf lange Bälle zurückgegriffen wird, was uns gleichzeitig zum letzten Punkt bringt.

Torabwurf über die Mittellinie nicht mehr erlaubt

„HALT! STOP! Das kann die FIFA doch nicht machen…“ Doch kann sie… allerdings könnt ihr eure Empörung direkt beiseitelegen, denn die Regeländerung greift nur für den Jugend-, Ü-, Behinderten- und Breiten-Futsal. Zusätzlich greift diese in den genannten Bereichen auch nur, wenn der nationale Verband – also der DFB – dieser Variante des Torabwurfs zustimmt.

Nichtsdestotrotz kommt es aufgrund einer ungenauen Übersetzung in der deutschen Version des FIFA-Schreibens leicht zur Verwirrung. Dort heißt es unter Regel 16:

„Wenn der Torhüter den Ball direkt über die Mittellinie wirft und dies gemäss den nationalen Rege/n für den Junioren-, Senioren-‚ Behinderten- und/oder Breitenfutsal unzulässig ist, führt das gegnerische Team einen indirekten Freistoss an der Stelle aus, an der der Ball die Mittellinie überquert hat. ”

Das Wort „Senioren-Futsal“ wird im deutschen Sprachraum aber auch sehr häufig mit dem Herren- oder Erwachsenen-Wettkampf-Futsal gleichgesetzt. Dass dies in jedem Fall nicht gemeint ist, belegt die englische Originalversion:

”Where this is outlawed by domestic rules for youth, veterans’, disability and/or grassroots futsal, if the goalkeeper throws the ball directly over the halfway line, an indirect free kick is awarded to the opposing team, to be taken from the place where the ball crossed the halfway line. ”

Hier wird eindeutig von „Veteranen“ gesprochen (übrigens steht an dieser Stelle auch im französischen „vétérans“) – also im deutschen Äquivalent der Ü-35/40/etc.-Futsal und somit keine Sorge um den Wegfall dieses wichtigen taktische Mittels im Spielaufbau im Herren-Bereich.

Für die sonstigen Bereiche, insbesondere den Jugend-Futsal, sehen auch wir die Abwurfmodifikation als sinnvolle Ergänzung. Da bei Jugendspielen häufiger zu beobachten ist, dass erfolgsorientierte Trainer einen Spieler ins Tor stellen, der weit werfen kann, um durch einen langen Abwurf zwei vorne postierte (meist körperliche starke) Spieler ins Spiel zu bringen. Der Entwicklungsaspekt der Kinder und Jugendlichen bleibt dabei vollkommen auf der Strecke. Sie lernen weder kreative Lösungen aus dem Spiel heraus zu finden noch werden alle Spieler in das Spiel integriert, was beides Kernideen des Futsals darstellen.

Daher hoffen wir lediglich, dass sich dieser Übersetzungsfehler bzw. diese ungenaue Auslegung nicht in den Köpfen festsetzt wie es beim „Grätschverbot“ schon einmal der Fall war. Diese Mär, die nie in den sprachlichen Originalversionen der FIFA-Futsal-Regeln aufgeführt war, führte sogar soweit, dass in Deutschland im Kontext Futsal immer noch vom „körperlosen Spiel“ gesprochen wird. Beide Vorurteile halten sich immer noch hartnäckig bei einigen deutschen Trainern, sodass selbst der erfahrene Futsal-Schiedsrichter Stefan Weber weiterhin Aufklärungsarbeit leistet (http://www.fussball.de/newsdetail/futsal-ein-koerperloses-spiel-voellig-falsch/-/article-id/143826#!/).

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