In den Durchführungsbestimmungen zur Futsal-Bundesliga heißt es auf Seite 65, dass bei Punktegleichheit zur Ermittlung der Platzierung zunächst die nach dem Subtraktionsverfahren ermittelte Tordifferenz, also das Torverhältnis, herangezogen wird.
Warum diese Regelung in der Futsal-Bundesliga höchstproblematisch ist, wird in diesem Beitrag geklärt. Aber vorweg: Die Problematik des Torverhältnisses bei Punktegleichheit in einer Futsal-Liga ist im deutschen Futsal keineswegs neu. Bereits vor gut einem Jahrzehnt wurde darüber intensiv diskutiert, damals in der Futsal-Regionalliga West. Am Ende führte diese Diskussion dazu, dass der direkte Vergleich anstelle des Torverhältnisses bei Punktegleichheit in die Durchführungsbestimmungen der Futsal-Regionalliga West aufgenommen wurde.
Heute gilt übrigens auch in allen anderen Futsal-Regionalligen Deutschlands der direkte Vergleich bei Punktegleichheit. In dieser Hinsicht sind die Futsal-Regionalligen also der Futsal-Bundesliga einen Schritt voraus. Und nicht nur bei den Regularien: Auf Regionalliga-Ebene erleben wir im Vergleich zum durchschnittlichen Futsal-Bundesligisten teilweise hervorragende Livestreams – wie regelmäßig in Wuppertal – oder auch beeindruckende Atmosphäre mit Tanzshows und volle Hallen, wie zuletzt in Karlsruhe oder Gütersloh. In mancher Hinsicht könnte sich die Futsal-Bundesliga also durchaus an den Futsal-Regionalligen orientieren.
Die Problematik des Torverhältnisses bei Punktegleichheit in der Futsal-Bundesliga
Das Torverhältnis als entscheidendes Kriterium bei Punktegleichheit schafft in der Futsal-Bundesliga erheblichen Raum für Wettbewerbsverzerrungen.
Man muss verstehen, dass die Futsal-Bundesliga bis heute eine Drei-Klassen-Gesellschaft ist. Die Leistungsstärke variiert dabei nicht nur zwischen den Teams erheblich, sondern teilweise auch innerhalb derselben Mannschaft von Hinrunde zur Rückrunde oder gar Spieltag zu Spieltag.
Man muss nicht lange suchen, um in jeder Saison zwei oder drei Beispiele zu finden, die zeigen, wie problematisch eine Torverhältnis-Regelung potenziell werden kann:
Brasilianische Futsalökonomie in Regensburg
Ein erstes Beispiel ist der SSV Jahn Regensburg. Der Verein ist nicht nur für seine brasilianischen Futsalspieler bekannt, sondern auch dafür, dass er in der Hinrunde häufig eher zurückhaltend agiert. Man könnte sagen: ökonomisch. Energie und Ressourcen werden offensichtlich für die entscheidenden Phasen der Saison gespart. Geht es in Richtung Playoffs, zeigt sich plötzlich ein ganz anderes Leistungsniveau.
Schaut man sich die letzten beiden Spielzeiten der Regensburger an, erkennt man ein klares Muster: Hinrunde Platz 6 und phasenweise sogar darunter, am Ende der regulären Saison mindestens Platz 4. Natürlich wird man in Regensburg gute Gründe dafür nennen können. Doch unabhängig von diesen Gründen bleibt das Ergebnis: Die Saison wird strategisch so gestaltet, dass man rechtzeitig zu den Playoffs unter den ersten 4 steht, um Heimvorteile zu sichern. Die Hinrunde wird dabei eher im Minimalprinzip gespielt, während in der Rückrunde hin zu den Playoffs Vollgas gegeben wird. Genau hier entstehen Verzerrungen, wenn die Tabellenplatzierung am Ende über das Torverhältnis bestimmt wird. Der direkte Vergleich würde solche Effekte deutlich reduzieren.
Das Weilimdorf-Beben
Während man das Verhalten der Regensburger noch als strategisch bezeichnen könnte, werden Verzerrungen durch externe Faktoren wie die Icon League oder andere Fußballformate noch deutlicher. Zuletzt haben wir in unserem 2x20netto-Podcast (Folge 207) Weilimdorf sogar dafür gelobt, dass der Verein seine Icon-League-Spieler ausgeschlossen hat und stattdessen verstärkt auf Juniorenspieler setzt. Aus einer Not wird scheinbar eine Tugend gemacht. Doch auch diese Medaille hat zwei Seiten:
Wir befinden uns mitten in der entscheidenden Phase der Saison. Weilimdorf steht bereits vorzeitig als regulärer Meister fest und agiert dadurch relativ autonom gegenüber den Interessen der übrigen Teams. Doch genau hier zeigt sich ein strukturelles Problem eines Ligawettbewerbs, wenn sportliche Entscheidungen einzelner Mannschaften in dieser Phase erhebliche Auswirkungen auf andere Tabellenregionen haben.
Der deutsche Meister aus Weilimdorf ist nach dem Ausschluss der Icon-League-Spieler sportlich deutlich zurückgefallen – vom Meisterschaftskandidaten auf ein Leistungsniveau, das zuletzt eher an einen Abstiegskandidaten erinnerte. Die letzten beiden Spieltage haben diese Entwicklung sehr deutlich gezeigt: Zunächst gab es ein 3:3 beim Vorletzten Pfarrkirchen, den man im Hinspiel noch relativ souverän mit 7:4 besiegen konnte. Eine Woche später folgte nun sogar eine 2:3-Niederlage beim Tabellenletzten aus Münster, gegen den Weilimdorf im Hinspiel noch klar mit 10:3 gewonnen hatte.
Die beiden jüngsten Weilimdorfer Partien entfalten inzwischen deutlich verzerrende Auswirkungen auf den Abstiegskampf. Besonders betroffen sind davon die Futsal Panthers Köln. Köln hat den direkten Vergleich gegen Pfarrkirchen klar für sich entschieden (5:3 und 9:5) und damit eigentlich sportlich gezeigt, welches Team in dieser direkten Konkurrenz stärker ist. Doch durch die unerwarteten Punktgewinne Pfarrkirchens gegen Weilimdorf und Bielefeld entsteht nun eine neue Tabellenkonstellation: Bei nun möglicher Punktegleichheit könnte Pfarrkirchen Köln über das Torverhältnis einholen und in der Tabelle überholen (siehe unten).
Genau hier offenbart sich erneut die zentrale Schwäche der Torverhältnis-Regelung. Während der direkte Vergleich die sportliche Relation zweier Mannschaften im unmittelbaren Wettbewerb abbildet, kann das Torverhältnis durch einzelne Spiele mit außergewöhnlichen Rahmenbedingungen massiv beeinflusst werden. Besonders in einer Liga mit teilweise stark schwankenden Kaderkonstellationen führt dies dazu, dass nicht zwingend die sportlich bessere Mannschaft belohnt wird, sondern häufig jene, die zufällig von bestimmten Spielverläufen oder Konstellationen profitiert.
MCH Futsal Club Bielefeld alias FC Berlin City & Co.
Doch das wohl deutlichste Beispiel für Verzerrungen durch parallele Fußballformate ist aktuell der MCH Futsal Club Bielefeld – mein ehemaliger Verein, mein Baby, meine alte Liebe. Ich muss hier etwas ausholen, weil mich dieses Thema persönlich berührt. Beim MCH habe ich zahlreiche Spieler trainiert, ausgebildet und für den Futsal begeistert – darunter mehrere aktuelle oder ehemalige Nationalspieler, denen ich alles im Leben gönne, egal ob im Futsal oder woanders. In meiner Zeit beim MCH habe ich oft gesagt: Dieses Team trennt eigentlich nur der Ramadan von der deutschen Meisterschaft. Unsere Viertel- und Halbfinalspiele um die deutsche Futsal-Meisterschaft fielen regelmäßig in die Fastenzeit. Die überwiegend fastenden Spieler gaben alles, aber ohne Mahlzeiten und Flüssigkeitszufuhr am Tag konnten die Beine nicht das zeigen, was sie unter normalen Bedingungen hätten leisten können.
Heute sind es die Icon League sowie andere Fußballformate, die den MCH von höheren sportlichen Zielen fernhalten. Dadurch zeigt sich ein neues, strukturell problematisches Muster: An einem Spieltag steht eine „Startruppe“ auf dem Feld, gespickt mit aktuellen und ehemaligen Nationalspielern. Am nächsten Spieltag tritt plötzlich eine Mannschaft an, in der Spieler stehen, von denen man zuvor kaum etwas gehört hat. Hinzu kommen erhebliche Leistungsschwankungen durch Doppel- oder sogar Dreifachbelastungen. Leistungsträger pendeln zwischen Futsal, Icon League und weiteren Fußballformaten. Die Folge: In der Futsal-Bundesliga laufen manche Spieler angeschlagen auf oder müssen bewusst Kräfte sparen, weil andere Wettbewerbe Priorität haben. Aus sportwissenschaftlicher Perspektive ist das kaum überraschend – hohe Belastungsdichte, fehlende Regenerationsfenster und unterschiedliche Wettkampfsysteme führen zwangsläufig zu Leistungsinstabilität. Für die Futsal-Bundesliga bedeutet das jedoch ein erhebliches Problem, weil die sportliche Vergleichbarkeit der Spiele leidet.
Genau diese Dynamik kann und führt nun zu massiven Wettbewerbsverzerrungen. Zuletzt verlor der MCH zweimal hintereinander zweistellig und anschließend nochmals mit 0:8 gegen Pfarrkirchen. In diesen drei Spielen kassierte das Team insgesamt 28 Gegentore – für eine Liga, die bei Punktegleichheit das Torverhältnis als entscheidendes Kriterium nutzt, sind solche Ergebnisse hochproblematisch. Einzelne Spiele mit stark schwankender Kaderqualität können das Torverhältnis massiv beeinflussen und damit die Tabellenordnung verzerren – selbst dann, wenn die sportliche Stärke der Mannschaft über die Saison hinweg eigentlich eine andere wäre.
Die Torverhältnisproblematik spitzt sich dank Weilimdorf und Bielefeld aktuell zu
Die Problematik endet nicht beim MCH selbst. Durch diese kaderbedingten Leistungsschwankungen – insbesondere durch das deutliche 0:8 gegen Pfarrkirchen – geraten wie erwähnt auch andere Teams in eine prekäre Situation. In Kombination mit den jüngsten Ergebnissen von Weilimdorf bringt diese Konstellation nun die Futsal Panthers Köln erheblich unter Druck:
Durch das verzerrte 0:8 rückt Pfarrkirchen im Torverhältnis plötzlich bedrohlich nahe an Köln heran. Beide Teams trennen aktuell nur noch drei Punkte und zwei Tore Differenz, wobei Pfarrkirchen mehr eigene Treffer erzielt hat. Die Konsequenz: Gewinnt Pfarrkirchen sein letztes Spiel zu Hause gegen Münster und verliert Köln auswärts bei Pars Neu-Isenburg, müssten die Kölner in die Relegation, während sich Pfarrkirchen über das bessere Torverhältnis rettet – obwohl der direkte Vergleich deutlich an Köln ging (siehe oben).
Genau hier zeigt sich das strukturelle Problem der Torverhältnis-Regelung im Futsal besonders deutlich. Ein einzelnes Spiel mit außergewöhnlicher Kaderkonstellation kann die gesamte Wettbewerbslogik verschieben. Der direkte Vergleich hingegen würde genau jene sportliche Relation abbilden, die im Kern eines Wettkampfs steht: Wer ist im direkten Aufeinandertreffen die bessere Mannschaft? Das Torverhältnis dagegen belohnt in solchen Konstellationen nicht unbedingt sportliche Überlegenheit, sondern häufig lediglich das zufällige Zusammentreffen von Formschwankungen, Belastungssteuerung und Kaderverfügbarkeit.
Abschließendes Fazit
Die Tatsache, dass die Torverhältnis-Regelung bei Punktegleichheit bis heute in der Futsal-Bundesliga gilt, ist ein Armutszeugnis. Von den Futsal-Bundesliga-Verantwortlichen darf man eine professionellere bzw. futsalspezifischere Analyse möglicher Wettbewerbsverzerrungen und ihrer Einflussfaktoren erwarten. Was es nicht braucht, ist eine weitere gedankenlose Übernahme von Fußball-Regularien.
Aus sportwissenschaftlicher Perspektive geht es hier um Wettbewerbsintegrität. Aus soziologischer Perspektive um die Legitimität eines sportlichen Systems. Und aus pädagogischer Perspektive um Fairness als grundlegendes Prinzip sportlicher Kultur, so dass vor allem junge Menschen sich für den Futsalsport begeistern und sich in ihm gut aufgehoben fühlen.
Es lässt sich festhalten, dass die Futsal-Bundesliga noch klarere futsalspezifische Durchführungsbestimmungen benötigt. In diesem konkreten Fall bedeutet das:
Direkter Vergleich statt Torverhältnis bei Punktegleichheit.
So macht man es übrigens in Spanien, Portugal, Frankreich und Kroatien – also überall in Europa, wo man etwas von Futsal versteht.
Toller Artikel! Ich hoffe die Ligaverantwortlichen handeln schnell.